von Dr. Rolf Künnemann, er koordinierte die Gründung von FIAN International und der deutschen Sektion. Er war von 1986 bis 2004 Generalsekretär von FIAN International.
Die Vorbereitungen zur Gründung einer internationalen Organisation zum Recht auf Nahrung erstreckten sich über mehrere Jahre. Rolf Künnemann hat den Prozess maßgeblich vorangetrieben. Hier berichtet er über die ersten Vorüberlegungen und organisatorischen Schritte.
Das erste bundesweite Treffen zum Menschenrecht auf Nahrung fand Ende Oktober 1982 im Naturfreundehaus Kohlhof bei Heidelberg statt. Die 34 Teilnehmer*innen waren alle Amnesty-Mitglieder. Und das kam so: 1981/1982 hatten Mitglieder der Amnesty-Gruppe Neckargemünd das Konzept einer internationalen Menschenrechtsorganisation zum Recht auf Nahrung entwickelt – darunter Gerhard und Elfriede Schwaab, Peter Kühn, Sabine Künnemann und ich. Wir schrieben die deutschen Amnesty-Gruppen an und verlangten, dieses Menschenrecht in das Mandat mit aufzunehmen.
Die Reaktion war gemischt. Interessent*innen luden wir in den Kohlhof ein. Neben inhaltlichen Diskussionen gab es dort erste strategische Überlegungen: Was tun, wenn Amnesty unsere Initiative ablehnt? Wir entschieden uns für eine Doppelstrategie: Einerseits weitere Amnesty-Sektionen in Europa und Nordamerika anschreiben. Andererseits Kontakte aufbauen zu Organisationen und Personen, die Interesse haben könnten an der Gründung einer neuen Organisation.
Von Amnesty zu FIAN International
Im Juni 1983 trafen wir uns wieder, diesmal in Neuwied. Viele vom Kohlhof waren dabei und einige Neue. Wir werteten die Situation aus: Die an Amnesty-Sektionen gerichteten Brief-Aktionen hatten einige vielversprechende Kontakte geliefert, vor allem in Belgien. Insgesamt hatten wir aber die Hoffnung auf eine Mandatsänderung von Amnesty aufgegeben. Inzwischen war noch etwas Anderes geschehen:
Wir hatten im Winter 1982/83 Kontakte zu Organisationen in Österreich, der Schweiz und Frankreich aufgebaut, unterstützt vom Ökobauer Bertl Burkhardt, einem ehemaligen Mitarbeiter von Brot für die Welt. Die Erklärung von Bern informierte mich über ein geeignetes Treffen von NGOs in Genf. Dort wollten wir, so jedenfalls meine Wunschvorstellung, eine internationale Menschenrechtsorganisation Food First gründen. Dazu kam es jedoch nicht. Die TeilnehmerInnen waren zu wenig mit dem Menschenrecht auf Nahrung vertraut. Stattdessen entstand dort ein Netzwerk: FoodFirst Information & Action Network – kurz FIAN. Über das Netzwerk sollten erst einmal gemeinsame internationale Aktionen auf menschenrechtlicher Grundlage ausprobiert werden.
Im November 1983 traf sich das neue Netzwerk im Naturfreundehaus Rickenbach im Hotzenwald. Dort einigten wir uns auf gemeinsame Eilaktionen, mehrsprachige Rundbriefe sowie eine Kampagne „Für das Recht der Völker, sich selbst zu ernähren“ zum Thema Nahrungsmittelhilfe. Erstmals waren auch Teilnehmer*innen aus Norwegen und Schweden dabei, so auch der spätere Gründungspräsident von FIAN International, Per-Ake Wahlström. Auf dem Weg über weitere Treffen in Strasbourg und Uppsala traf sich das Netzwerk dann am 7. Juni 1986 im Schloss Rotenberg bei Heidelberg zur Gründung einer „Amnesty-artigen“ Menschenrechtsorganisation: FIAN International. Über diesen Prozess habe ich am Anfang meines neuen Buchs „The Human Right to Food – an Insider‘s Account“ (Routledge, 2026) berichtet.

Fortschritte in Deutschland
Auch in Deutschland ging es voran. Im März 1984 fand in Plettenberg ein bundesweites Treffen statt, ähnlich selbstgestrickt wie die vorigen. Geld hatten wir keines. Die Arbeit von FIAN sprach sich aber herum. Der internationale Rundbrief erschien auf Englisch, Französisch und Deutsch. Die von Frères des Hommes koordinierte Kampagne gegen die falsche Nahrungsmittelhilfe wurde von uns „eingedeutscht“. Die ersten FIAN-Eilaktionen zirkulierten ab Herbst 1983 in den genannten drei Sprachen und erzielten erste Erfolge. Es entwickelte sich ein Eilaktionsnetzwerk.
Im Dezember 1984 hatten wir in Heidelberg einen überraschenden Gast: Vinzenz Bohne, ein Deutschbrasilianer vom Franziskanischen Bildungswerk. Es hatte eine Anzeigenkampagne laufen „Ich will ein Beispiel sein“. Die Rückmelder dieser Kampagne wollten die Franziskaner zu gemeinsamen Seminaren mit uns einladen. Den inhaltlichen Teil sollte unser Netzwerk frei gestalten; die Organisation und einen Großteil der Kosten würden die Franziskaner übernehmen. Gesagt, getan. 1985 fanden die ersten vier gemeinsamen Seminare statt – in Heidelberg, Köln, Hofheim und Arrisried. Weitere folgten in den nächsten Jahren. Sie trugen zur Bildung lokaler Gruppen und zur Ausbreitung von FIAN bei.
Ende Januar 1985 fuhr ich nach Stuttgart zu Brot für die Welt, um dort Harald Rohr zu treffen. Harald war Pfarrer in Herne und leitete dort das Infozentrum Dritte Welt des Kirchenkreises Herne. Als Mitglied eines wichtigen Brot-Ausschusses war er gerade in Stuttgart und wollte mich sprechen. Wir trafen uns im Foyer. Harald war mit Amnesty vertraut und wollte mehr über FIAN wissen. Ihm war bald völlig klar, worum es ging. Nach einigen Monaten meldete er sich wieder. Er habe da einen fitten Zivildienstleistenden in seinem Zentrum, Frank Braßel. Frank könne für FIAN den Versand von Eilaktionen und Informationsmaterial in Deutschland übernehmen – und einiges mehr.
Das erste Jahr
Die Gründung der deutschen Sektion fand am 29. November 1986 am Rande eines weiteren „Franziskanerseminars“ statt – in Herne. 25 Gründungsmitglieder, die irgendwo zwischen Hannover und Freiburg zu Hause waren. Vier Stunden hatten wir für die Gründung reserviert. Die Satzung war gut vorbereitet. In den Vorstand wurden gewählt: Gerhard Schwaab (Vorsitzender, Spechbach), Petra Sauerland (Stellvertreterin, Aachen), Michael Hübner (Schatzmeister; Heidelberg), Barbara Böhler (Schriftführerin, Waldkirch), Sabine Künnemann (Wiesloch), Karl Tißen (Essen), Bernhard Wolf (Hannover), Andreas Wuttke (Wanne-Eickel).

Anfang Dezember schrieb Gerhard an alle bisherigen Mitglieder des Netzwerks und forderte sie auf, der Sektion beizutreten. Im Laufe des Jahres 1987 traf sich der Vorstand dreimal – in Wiesloch, in Waldkirch und in Aachen. Er beschloss unter anderem, dass sich die Sektion aus Eigenmitteln finanzieren sollte. Dazu brauchte sie eine große Mitgliederbasis und die Ansprache einer breiten Öffentlichkeit. Gleich bei der ersten Sitzung wurden Regionalbeauftragte benannt: Nord (Bernhard), West (Karl), Mitte (Gerhard), Südwest (Barbara), Südost (ich). Sie sollten die Organisationsentwicklung in ihrer jeweiligen Region fördern. Im Spätjahr führten sie Regionaltreffen durch.
Der Vorstand richtete einen nationalen Rundbrief ein, das FIAN-Echo. Im Laufe des Jahres nahm er fünf FIAN-Gruppen auf: Heidelberg-Land, Aachen, Herne, Essen und Heidelberg-Stadt. Sie betreuten Fälle in Brasilien, Ecuador, Indien, Philippinen und Togo. Die Sektion führte zehn Eilaktionen durch – und eine Mahnwache vor der brasilianischen Botschaft. Am Jahresende 1987 hatte die Sektion 144 Mitglieder. Der Sitz war Heidelberg, und die Geschäftsführung blieb zunächst dort beim Internationalen Sekretariat angesiedelt. Anfang 1990 konnte dann Frank Braßel als Geschäftsführer eingestellt werden, und das Büro der Sektion zog nach Herne.
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