von Dr. Dolgoryn Guntsetseg (in Ulaanbaatar geboren und aufgewachsen, hat Nomad*innen als Verwandte, Netzwerkkoordinatorin des Eine Welt-Promotor*innen Programm in Baden-Württemberg und Co-Geschäftsführerin mit Finanzverantwortung beim deab – Dachverband für globale Gerechtigkeit Baden-Württemberg in Stuttgart)
Über 500 Tiere, und die Familie kennt jedes einzelne. Bei meinem ersten Besuch bei einer Nomad*innenfamilie in der mongolischen Steppe begriff ich, welche Gedächtnisleistung und welches Wissen hinter dem steckt, was von außen oft nur „traditionelle Tierhaltung“ heißt. Bis heute zeigt mir jeder Besuch etwas Neues über ein Leben, das ganz anders funktioniert als das in der Stadt.
Mitten in der Natur statt Ausflug in sie
Ich bin in Ulaanbaatar geboren und aufgewachsen. Als Stadtkind musste ich in die Natur hinausgehen, einen Park, einen Ausflug ins Umland, eine bewusste Entscheidung, die Stadt für ein paar Stunden zu verlassen. Bei der Nomad*innenfamilie, die ich seit Jahren besuche, ist das anders. Dort ist man nicht in der Natur zu Besuch, man lebt mitten in ihr.
Bei meinem ersten Besuch wurde mir schnell etwas beigebracht: die Türschwelle der Jurte darf man nicht betreten, man steigt immer darüber. Es klingt wie eine kleine Regel, aber sie hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Denn kaum ist man über diese Schwelle getreten, liegt die ganze Welt vor einem, die unendliche Steppe ohne von Menschenhand gemachte Dinge.
Oft wurde ich gefragt, wie eine ganze Familie, in einer so kleinen Jurte leben kann. Ob das nicht zu eng ist, ob man sich nicht eingeengt fühlt. Die Antwort ist nein. Von außen wirkt eine Jurte klein, aber sie öffnet sich nach draußen in einen Raum ohne Ende. In der Stadt bedeutet Weite, eine Treppe hinunterzugehen, eine Straße entlangzulaufen, zwischen Häusern hindurch. Selbst im Dorf sind es meist nur wenige Schritte bis zum nächsten Haus, man ist selten wirklich allein. In der mongolischen Steppe kann die nächste Nachbarfamilie einen Kilometer entfernt sein, oder dreißig. Enge und Weite hängen dort nicht an der Größe eines Gebäudes, sondern daran, was sich dahinter auftut.

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Über 500 Tiere, jedes ein Individuum
Nomad*innenfamilien in der Steppe halten oft mehrere hundert Tiere von fünf verschiedenen Tierarten gleichzeitig, nicht selten über 300 Schafe, 100 Ziegen, 30 Pferde, einige Kamele und 100 Rinder und Kühe. Was von außen wie eine schwer überschaubare Menge wirkt, ist für die Familien ein vertrautes System. Jedes Tier ist bekannt, mit eigenem Charakter, eigenem Verhalten, eigener Geschichte. Unruhige Tiere, kranke Tiere, Tiere, die sich von der Herde entfernen. Dahinter steht ein Wissenssystem, das über Generationen weitergegeben wird, in dem jedes Tier, jede Jahreszeit, jedes Stück Weideland seinen Platz hat. Gemeinsam sichern sie die Versorgung der Familie ab.

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Die vielen Stufen der Milch
Aus der Milch der verschiedenen Tiere entstehen unzählige Produkte, getrocknet, fermentiert, gekocht, zu Quark, Käse, Joghurt oder Airag (vergorene Stutenmilch) verarbeitet, jede Stufe mit eigenem Namen, eigener Technik, eigenem Zweck für die Haltbarkeit über den langen Winter. Diese Verarbeitung ist die Grundlage der Selbstversorgung: Eiweiß und Fette werden so über Monate haltbar gemacht. Eine Familie sichert sich damit über den ganzen Winter, unabhängig von Supermärkten oder Importen, allein durch das, was die Tiere und das Land hergeben.

Eines der bekanntesten Produkte ist Öröm, die dicke, cremige Schicht, die sich auf gekochter Milch bildet. Sie steht beispielhaft für ein Ernährungssystem, das ganz ohne industrielle Verarbeitung auskommt und dennoch über Generationen zuverlässig funktioniert hat.
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Was auf dem Spiel steht
Was für die Familien in der Steppe gelebter Alltag ist, bestätigt heute auch die Wissenschaft: mobile Weidewirtschaft gilt international zunehmend als Schlüssel für Ernährungssicherheit, Gesundheit, Biodiversität und den Erhalt ganzer Landschaften. Genau dieses System ist heute bedroht. Der Klimawandel treibt die Wüstenbildung in der Steppe voran, die Kräutervielfalt schwindet. Viele Hirtenfamilien berichten, dass Fleisch heute schwächer und weniger würzig schmeckt als früher. Das ist ein direktes Zeichen dafür, wie sehr die Vielfalt der Kräuter und Pflanzen, von denen sich die Tiere ernähren, bereits verloren gegangen ist. Weniger Pflanzenvielfalt bedeutet weniger Nährstoffvielfalt, in Fleisch wie in Milch, das betrifft also nicht nur den Geschmack, sondern die Qualität der gesamten Ernährung, die auf dieser Weidewirtschaft aufbaut.
Hinzu kommt der Bergbau, der zunehmend um dieselben Flächen konkurriert, die Hirtenfamilien für ihre Herden brauchen. Wo einmal Weideland war, entstehen Abbaugebiete, und mit ihnen verschwinden Wege, die Familien seit Generationen für ihre 4-Jahreszeiten-Wanderungen genutzt haben.
Es gibt noch einen weiteren Sog, der weniger sichtbar ist, aber genauso einflussreich: soziale Medien vermitteln vor allem jungen Menschen das Bild, dass ein sogenanntes modernes Leben in der Stadt erstrebenswert sei. Die Folge ist eine anhaltende Landflucht. Junge Menschen verlassen die Steppe, und mit ihnen geht auch das Wissen verloren, das eine Generation zuvor noch selbstverständlich weitergegeben wurde. Dahinter steht eine alte, koloniale Vorstellung, die bis heute wirkt, dass Pastoralismus mit einem modernen, aufstrebenden Land nicht vereinbar sei. Es braucht politische Maßnahmen, die dieser Entwicklung entgegenwirken, die das Leben und Wirtschaften der Hirtenfamilien schützen und aufwerten, statt es stillschweigend verschwinden zu lassen.
Zurück zur Schwelle
Wenn ich heute die Türschwelle einer Jurte übertrete, denke ich nicht mehr nur an eine Regel. Ich denke an ein Ernährungssystem, das seit Generationen ohne Supermärkte, Zäune oder industrielle Verarbeitung funktioniert, getragen von genauem Wissen um Tiere, Land und Jahreszeiten. Es ist ein System, das es zu schützen lohnt, weil es zeigt, wie Ernährungssicherheit auch anders hergestellt werden kann.

