
Wie die Reservas Alimentarias Campesinas Ernährungssouveränität und Menschenrechte von unten stärken
Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, wie Erika, stehen in Ecuador unter wachsendem Druck. Die staatliche Agrarpolitik begünstigt vielfach industrielle Landwirtschaft und Plantagenwirtschaft, während der Einsatz gefährlicher Pestizide Böden, Wasser und Gesundheit belastet. Gleichzeitig verlieren kleine Produzent*innen zunehmend den Zugang zu Land. Traditionelle Anbaumethoden und wertvolles Saatgut drohen verdrängt zu werden.
Hinzu kommt die zunehmende Gewalt im ländlichen Raum. Kriminelle Gruppen eignen sich Land an und bedrohen Dorfgemeinschaften wie die in Flores – häufig dort, wo wirtschaftliche Interessen auf fruchtbare Böden und wertvolle Ressourcen treffen. Für viele junge Menschen gibt es kaum noch eine Perspektive. Sie verlassen ihre Heimat oder geraten selbst in einen Kreislauf aus Armut und Gewalt.
Angesichts dieser Entwicklungen organisieren sich indigene und bäuerliche Gemeinschaften in Ecuador. Ein Ansatz sind die sogenannten „Reservas Alimentarias Campesinas“ (RACs) – bäuerliche Gebiete für Ernährungssouveränität. Sie sollen dazu beitragen, Ungleichheiten zu überwinden, bäuerliche Gemeinschaften zu schützen, lebendige Territorien zu bewahren und die Ernährungssouveränität zu stärken. Ihr Ziel ist eine gesunde und kulturell passende Ernährung – für die Menschen auf dem Land ebenso wie für die Bevölkerung in den Städten. Ein solches RAC entsteht nun auch in Flores, der Gemeinde von Erika.
Die Gestaltung solcher Territorien für Ernährungssouveränität gelingt dabei nicht allein. Notwendig ist die Zusammenarbeit zwischen den Familien, ihren bäuerlichen Organisationen und den lokalen Behörden. FIAN begleitet diesen Prozess und unterstützt derzeit mehrere RACs in unterschiedlichen Regionen des Landes – im Hochland ebenso wie an der Küste.
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Was sind die Reservas Alimentarias Campesinas (RAC)?
Eine RAC ist ein geschütztes Territorium, das aus einer Vielzahl von Höfen, Parzellen oder anderen landwirtschaftlichen Produktionseinheiten besteht. Bewirtschaftet werden sie von bäuerlichen Familien, die sich in einer Organisation zusammenschließen und gemeinsam darüber entscheiden, wie ihr Territorium genutzt wird.
Dabei geht es um weit mehr als die Produktion von Lebensmitteln: Landnutzung und Landwirtschaft sollen so gestaltet werden, dass gesunde, nährstoffreiche und kulturell angemessene Lebensmittel erzeugt werden – in kleinteiligen Strukturen, im Einklang mit den umliegenden Ökosystemen und auf der Grundlage von Ernährungssouveränität. Die RACs verbinden Ernährung, Landrechte, Umweltschutz und Menschenrechte. Sie schaffen Strukturen, mit denen bäuerliche Gemeinschaften ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können.

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Drei Säulen einer Reserva Alimentaria Campesina
- Bildung und Weitergabe von Wissen: Traditionelle Anbaumethoden, lokales Wissen und über Generationen weitergegebenes Saatgut werden anerkannt, bewahrt und an jüngere Generationen weitergegeben. Gleichzeitig werden agroökologische Methoden gestärkt, die an die jeweiligen natürlichen Bedingungen und die Bedürfnisse der Gemeinschaft angepasst sind.
- Faire Vermarktung: Die produzierten Lebensmittel sollen nicht zu Dumpingpreisen über ausbeuterische Zwischenhändler verkauft werden. Stattdessen werden direkte Verbindungen zwischen den RACs und Städten aufgebaut. Märkte, Tauschsysteme und andere Formen des direkten Handels ermöglichen es den Produzent*innen einen größeren Anteil des Wertes ihrer Arbeit zu erhalten. Gleichzeitig wissen Verbraucher*innen, woher ihre Lebensmittel kommen.
- Politische Einflussnahme: Die Gemeinschaften setzen sich für territoriale Verwaltungsstrukturen ein, die frei von Gewalt sind und in denen international anerkannten Menschenrechte gedeihen können. Eine besondere Bedeutung hat dabei die UN-Erklärung über die Rechte von Kleinbäuer*innen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten (UNDROP). Die Anerkennung, Förderung und der Schutz dieser Rechte sollen dazu beitragen, dass sich die RAC langfristig weiterentwickeln können – im Einklang mit den in der ecuadorianishen Verfassung verankerten Rechten der Natur.
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Gemeinde Flores: Wo Ernährungssouveränität konkret wird
Wie eine solche Reserve im Alltag aussehen kann, zeigt die Gemeinde Flores in der Provinz Chimborazo. Hier lebt die 24-jährige Erika Quishpe (Foto).
Auf den Feldern ihrer Gemeinde wachsen Mais, Kartoffeln, Quinoa und verschiedenes Gemüse. Die landwirtschaftliche Vielfalt ist ein wichtiger Teil der kulturellen Identität der Menschen und bildet zugleich die Grundlage ihrer Ernährung. Dennoch ist die Situation in der Region dramatisch: In Erikas Provinz leidet jedes zweite Kind an chronischer Unterernährung.
Gerade deshalb ist die Arbeit der bäuerlichen Familien in Flores so wichtig. Die RAC verbindet die Produktion gesunder Lebensmittel mit dem Ziel, die lokale Ernährung zu stärken.

Statt sich an den Interessen der industriellen Landwirtschaft oder an internationalen Absatzmärkten zu orientieren, richtet sich die Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen vor Ort. Erika und die anderen Familien bauen ihre Lebensmittel mit agroökologischen Methoden an. Dabei greifen sie auf traditionelles Wissen zurück und passen ihre Produktion an die klimatischen, kulturellen und ernährungsbezogenen Bedingungen der Region an. So bewahren sie mehr als vierzig Kartoffelsorten und den vorkolonialen Terrassenanbau.
„Wir produzieren nicht nur Lebensmittel. Wir bewahren die Artenvielfalt, schützen überliefertes Wissen und tragen zur Ernährungssicherheit bei“, betont Erika.
Doch allein Lebensmittel anzubauen, reicht nicht aus. Entscheidend ist auch die Frage, ob die Bäuerinnen und Bauern ihre Produkte zu fairen Bedingungen verkaufen können.
Hier setzt die Begleitung durch FIAN an. Die Organisation unterstützt Flores und andere Gemeinden dabei, ihre Rechte einzufordern und Strukturen für eine gerechte Vermarktung aufzubauen. Lokale Behörden sollen ihrer Pflicht nachkommen, den Zugang zu Märkten zu verbessern und direkte Verbindungen zwischen den Produzent*innen und Haushalten herzustellen.
Für die Menschen in Flores bedeutet das: Ihre Arbeit auf den Feldern kann nicht nur die eigene Ernährung sichern, sondern auch die Versorgung der umliegenden Städte verbessern. Kurze Wege, faire Preise und direkte Beziehungen zwischen Land und Stadt schaffen Vorteile für beide Seiten.
„Wenn die Stadt direkt bei uns einkauft, ohne unfaire Zwischenhändler, profitieren wir alle davon: Der bäuerliche Markt wird gestärkt, und die Menschen wissen, woher ihre Lebensmittel stammen“, erklärt Comadre Rosita.
Hierfür hat FIAN Erika und andere Gemeindemitglieder für eine Anhörung in die Provinzhauptstadt Riobamba begleitet. Dort bekräftigen sie die Forderung, die RAC erstmals als Teil der öffentlichen Politik anzuerkennen und entsprechend zu fördern. Erika’s Rede können Sie unter „Weiterführende Informationen“ nachlesen.


Antwort auf Gewalt und Unsicherheit
Zugleich entstehen Räume des Friedens und der Gewaltfreiheit. Initiativen wie die von Erika’s Gemeinde Flores stärken lokale Organisationsprozesse und ermöglichen es den Gemeinschaften, gemeinsam über den Schutz und die Nutzung ihrer Territorien zu entscheiden. Damit schaffen sie Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben auf dem Land – und wirken Landverlust, Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit entgegen.
„Wir wollen eine ländliche Gegend ohne Gewalt, in der wir bleiben, das Land bewirtschaften und ohne Angst Lebensmittel anbauen können“, sagt Don Custodio aus einer RAC an der ecuadorianischen Küste- einer Region, die besonders stark von Gewalt und Unsicherheit geprägt ist.
Flores ist dabei nur ein Beispiel. Neben der RAC in Flores befinden sich derzeit weitere RACs in den Regionen um Quevedo und Cuenca im Aufbau. Auch in anderen Teilen Ecuadors entstehen solche Strukturen.
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Vertreterinnen aus Ecuador zu Besuch in Europa
Auf Einladung von FIAN kamen im März Vertreterinnen aus Ecuador nach Berlin und Brüssel.
Das Land befindet sich in einer tiefgreifenden politischen, sicherheitspolitischen und menschenrechtlichen Krise, die sich seit 2023 deutlich verschärft hat. Besonders betroffen sind Menschenrechtsverteidiger*innen sowie Frauen und Menschen im ländlichen Raum, während Agrarindustrie und Bergbau den Zugang zu Land, Wasser und natürlichen Ressourcen zunehmend bedrohen. Vor diesem Hintergrund stellten die Vertreterinnen die bäuerlichen Nahrungsmittelreserven als widerständige Praxis vor: als positives Beispiel dafür, wie die Kontrolle über Land, Wasser, Saatgut und Anbaumethoden Menschenrechte von unten stärken und zur Ernährungssouveränität beitragen kann.
Zugleich forderten sie eine europäische Handels- und Investitionspolitik, die Menschenrechte schützt, anstatt durch die Förderung von Agrarindustrie und Bergbau zur Verschärfung von Konflikten um Land, Wasser und natürliche Ressourcen beizutragen. Ein Erfahrungsaustausch mit einem Hofkollektiv in Brandenburg ermöglichte zudem einen direkten Austausch über Agrarökologie und die Bedeutung lokaler Organisationsprozesse.

Weiterführende Informationen:
Hier können Sie eine Rede die Erika bei einer Anhörung in der Provinzhauptstadt Riobamba gehalten hat lesen: Erika’s Rede (übersetzt auf deutsch)
Interview mit Gladys und Leonora, die beide im März aus Ecuador mit nach Berlin und Brüssel gereist sind. Das Interview erschien ursprünglich im FoodFirst Magazin und der Zeitschrift ila: Interview
Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen stärkt FIAN Menschen wie Erika dabei, ihre Rechte einzufordern und ihre Ernährungssysteme selbstbestimmt zu gestalten. Unterernährung lässt sich nicht durch die Verteilung von Lebensmitteln überwinden. Sie wird dort bekämpft, wo Menschen ihre Böden schützen, gesunde Nahrung anbauen und über die Zukunft ihrer Ernährung selbst bestimmen können.
Bitte unterstützen Sie FIAN mit Ihrer Spende. Gemeinsam können wir dazu beitragen, in Ecuador die Lebensgrundlagen zu bewahren und das Recht auf Nahrung zu stärken!
