von Rufo Roba Compagnone (Pastoralistin und Kommunikationsexpertin, als Doktorandin entwickelt sie mit Pastoralisten digitale Lösungen), Sabine Dorlöchter-Sulser (Soziologin und Geografin, seit 2001 Referentin für ländliche Entwicklung bei Misereor), Ilse Köhler-Rollefson (Veterinärin, Gründerin der Liga für Hirtenvölker und seit 35 Jahren Forscherin zu Pastoralismus in Indien) und Bhavana Kuchimanchi (Forschungs- und Strategieverantwortliche mit Fokus auf nachhaltige Ackerbau- und Tierhaltungssysteme).
Hirtengemeinschaften managen Ökosysteme nachhaltig, bewahren die Nutztiervielfalt, produzieren Nahrungsmittel als Teil der natürlichen Umwelt und leben seit Jahrtausenden mit Bauerngemeinschaften in gegenseitigem Austausch und Kooperation zusammen. Dennoch wird Hirtengemeinschaften Land genommen, ihre Rechte werden ignoriert, ihre Stimmen zum Schweigen gebracht. zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums 2026 muss sich dies endlich ändern.
Seit Jahrtausenden prägen Hirtengemeinschaften die Landschaften unseres Planeten. Dank ihrer professionellen Fertigkeiten nutzen sie deren Potenzial optimal aus und sorgen dafür, dass Nutztierherden gedeihen und Ökosysteme intakt bleiben. Dabei stützen sie sich auf Wissenssysteme, die sie über viele Generationen hinweg entwickelt haben. Weidelandschaften sind ihre natürliche Infrastruktur, ihre Tiere sind Teil der Familie und ihrer kulturellen Identität. In vielen Ländern sind sie von entscheidender wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung.
Die mobile Tierhaltung leistet einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit, zur nationalen Wertschöpfung sowie zum Export. Mit aktiver Landschaftspflege sorgen Hirtengemeinschaften für den Erhalt der Weidelandschaften und der biologischen Vielfalt. Da sich ihre Herden ausschließlich von natürlicher Vegetation und Nebenprodukten aus dem Ackerbau ernähren, ist diese Art der Tierhaltung klimaneutral – im Gegensatz zur industriellen Viehzucht, die auf fossile Energieträger angewiesen ist. Aufgrund ihrer Wanderbewegungen verteilen sie mit minimalem Energieaufwand Nährstoffe über große Flächen und sorgen für die Regeneration der Böden. Nicht zuletzt bewahren sie eine große Vielfalt an Nutztierrassen, die sich an Klimaextreme anpassen können.
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Vielfältige Kooperation mit ackerbäuerlichen Gemeinschaften
Seit den Anfängen der Landwirtschaft vor rund 9.000 Jahren leben Pastoralisten- und Bauerngemeinschaften in enger Kooperation, mit vielfältigen Formen gemeinsamer Ressourcennutzung und vorteilhaften Beziehungen. Hirtengemeinschaften liefern Milch, Fleisch und Arbeitstiere sowie Dünger. Im Gegenzug bieten bäuerliche Gemeinschaften ihnen Getreide, Zugang zu Wasser und Schutz.
Bis heute bestehen viele dieser Beziehungen fort. Ein Beispiel aus Indien zeigt, dass sich neue marktwirtschaftliche Synergien entwickeln.

In den Medien werden Hirtengemeinschaften oft als Konfliktverursacher dargestellt oder kriminalisiert, obwohl die Konfliktstatistiken diese Wahrnehmung nicht bestätigen. In der Regel entstehen Konflikte, wenn staatliche und andere institutionen Initiativen planen, ohne sich mit den Betroffenen abzusprechen, wenn die von ihnen genutzten Flächen umgewandelt, ihr Zugang versperrt, ihre Mobilität eingeschränkt oder ihre traditionellen Abkommen untergraben werden. Konflikte zwischen Pastoralisten- und Bauerngemeinschaften können jedoch überwunden werden, wenn auf die spezifischen Bedürfnisse und Prioritäten beider Gruppen eingegangen wird. Nur wenn alle gleich und mit Respekt behandelt werden, kann ein Dialog entstehen und gegenseitiges Vertrauen wachsen und neue Formen friedlichen Zusammenlebens im geteilten ländlichen Raum entstehen.
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Ambivalente Rolle des Staates
Die Haltung vieler Regierungen gegenüber Hirtengemeinschaften ist bis heute ambivalent. Nicht wenige halten Pastoralismus fälschlicherweise für unvereinbar mit einer „modernen“ aufstrebenden Nation. Ihre Beiträge zur Volkswirtschaft, Geschichte und Kultur werden weder anerkannt noch gewürdigt. Eine solche Sichtweise reproduziert koloniale Narrative und marginalisiert Pastoralistengemeinschaften in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht. Anstatt Hirtengemeinschaften einzubeziehen, werden sie von Behörden umgangen. Trotz ihres enormen Beitrags sind Hirtengemeinschaften rund um den Globus existenziell bedroht. Ohne Rücksicht auf traditionelle Landnutzungsrechte, Kultstätten oder das Ökosystem werden Weideflächen in großem Umfang in Solarparks, Monokulturen, Bergbauanlagen und Projekte zur Gewinnung grüner Energie umgewandelt.

Die Folgen sind dramatisch: Strategisch wichtige Weideflächen und Ausweichgebiete gehen verloren, staatliche Maßnahmen sorgen dafür, dass Hirten und ihre Herden verdrängt und damit verwundbar gemacht werden. Die zunehmend schädlichen Auswirkungen des Klimawandels kommen hinzu. Jahrzehntelange fehlgeleitete Entwicklungsprogramme haben zudem soziale Institutionen der Hirtengemeinschaften geschwächt.
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Kernforderungen für einen Kurswechsel
Ein Kurswechsel ist überfällig. Pastoralismus muss als nachhaltiges, klimafreundliches und wertvolles Lebenshaltungssystem anerkannt und gestärkt werden. Dazu gehört ein umfassender rechtlicher Schutz der Mobilität sowie der traditionellen Land-, Weide- und Wasserrechte der Pastoralistengemeinschaften. Nur so kann ihnen der Raum gewährt werden, den sie benötigen.

Außerdem müssen die Prioritäten der Hirtengemeinschaften ernst genommen und sie in die Gestaltung von Gesetzen und Entscheidungen einbezogen werden.
Weidegebiete im globalen Süden werden immer häufiger für den CO2-Ausgleich genutzt, um die Klimagasemissionen der Industrie im globalen Norden auszugleichen. Dies verfehlt jedoch den Zweck. Stattdessen müssen wir die wichtige Rolle von Hirtengemeinschaften beim Erhalt von Graslandschaften als Kohlenstoffsenken anerkennen und belohnen. Wir hoffen, dass das internationale Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums 2026 einen echten Paradigmenwechsel einleiten wird – weg von Ausgrenzung und hin zu Respekt, politischer Stärkung und zum Schutz einer Lebensweise, die für die Zukunft unseres Planeten unverzichtbar ist.
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Der Artikel „Die Rechte von Pastoralisten schützen“ bildet das Schlusswort des Dossiers „Wir brauchen Hirten! Wie sie gemeinsam mit Bauern fruchtbare Landschaften erhalten“, herausgegeben von der League for pastoral Peoples (LPP), dem Deutschen Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (DITSL); der Foundation for Ecological Security (FES) und MISEREOR in Zusammenarbeit mit der Redaktion weltsichten. Das Dossier wurde als Beilage zur Zeitschrift welt-sichten 3-2026 veröffentlicht.
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