Agrarökologie ist in erster Linie Praxis und soziale Bewegung. Sie vereint ökologische Prinzipien mit sozialer Gerechtigkeit. Bei Agrarökologie geht es darum, von einer chemisch industriellen Landwirtschaft zu einer Nahrungsproduktion zu kommen, die auf ökologischen und lokalen Kreisläufen basiert. Aber es geht um noch viel mehr: um soziale Gerechtigkeit und Teilhabe; um ökologische, wirtschaftliche, kulturelle und politische Innovation; darum, wie Menschen sich auf verschiedenste Weise selbstbestimmt organisieren, um sich und andere mit gesunder Nahrung zu versorgen. Mit anderen Worten: Agrarökologie ist ein gelebtes Konzept, wie wir gemeinsam unsere Ernährungssysteme von unten nach oben umgestalten können, um lokal und global Machtungleichheiten auszugleichen und gerechtere Systeme menschlichen Zusammenlebens zu schaffen. Die Agrarökologie ist das Mittel und der Weg hin zur Verwirklichung des Menschenrechts auf gesunde und nachhaltig produzierte Nahrung und zur Ernährungssouveränität.
2019 erarbeitete der UN-Ausschuss für Welternährung (CFS), Gremium der UN-Mitgliedstaaten zuständig für die Erarbeitung von Politikempfehlungen für die Umsetzung des Rechts auf gesunde und nachhaltig produzierte Nahrung, die 13 Prinzipien der Agrarökologie:
Hier zeigt sich, warum Agrarökologie, das Recht auf Nahrung und Ernährungssouveränität zusammengehören. Die Konzepte teilen einige ihrer wichtigsten Prinzipien. Dazu gehören vor allem der Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land, Wasser und Saatgut für diejenigen, die von der Nahrungsmittelproduktion leben, sowie die Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen. Seit der Erarbeitung der Prinzipien und des dazugehörigen Expert*innenberichts wird Agrarökologie stets in die Beschlüsse des CFS integriert.
Agrarökologie ist ein Prozess, der letztendlich immer auf die Transformation unserer Agrar- und Ernährungssysteme abzielt. Ziel ist eine Landwirtschaft und Ernährung, die auf soziale Teilhabe, Regionalität, ökologischer Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit aufbaut:
Agrarökologie konkret
Beispiele für Agrarökologie finden sich in allen Regionen der Welt: Schulgärten in Uganda, durch die junge Menschen traditionelle Lebensmittel erhalten; Eco-Swaraj-Gemeinschaften in Indien, in denen Frauen durch Selbsthilfegruppen traditionelle Saatgutsorten wiedereingeführt und ihre Rolle in lokalen Entscheidungsprozessen gestärkt haben; oder die Aneignung von nicht genutztem Land durch landlose Feldarbeiter*innen in Brasilien.
Auch in Deutschland lebt die Agrarökologie: vielfältige ökologische und bäuerliche Landwirtschaft, Hofläden, Dorfläden, Wochenmärkte, Solidarische Landwirtschaft, Selbsterntegärten, genossenschaftliche Supermärkte und Bäckereien, Gemeinschaftsmolkereien, FoodCoops, Crowdfarming, Ernährungsräte, die Liste ließe sich endlos fortführen. Hier wird auch die Kraft der Agrarökologie deutlich: Trotz mangelnder politischer Unterstützung und fehlender Infrastruktur finden Menschen immer wieder Wege, ihre Vorstellungen einer sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft und Ernährung in die Tat umzusetzen.
Neben ihrer Vielfältigkeit zeichnet Agrarökologie auch ihre Ganzheitlichkeit aus. Anhand der Wertschöpfungskette eines sehr alltäglichen Produkts in Deutschland lässt sich dies gut veranschaulichen: Brot.
Durch die gemeinsame Arbeit von Wissenschaft und Praxis zu ökologisch-angepasstem Saatgut (Station 1) und der gerechten Verteilung von Land (Station 2) können Bäuer*innen umweltschonend Getreide anbauen (Station 3) und zu fairen Preisen verkaufen (Station 4). Das Getreide wird in einer lokalen Mühle vermahlen (Station 5) und in einer Bäckerei zu Brot verbacken (Station 6). Anschließend wird es im Laden oder auf dem lokalen Markt verkauft (Station 7) oder über alternative Systeme wie FoodCoops oder Crowdfarming verteilt (Station 8) und landet auf unseren Frühstückstellern (Station 9).
Ein weiterer wichtiger Grundgedanke der Agrarökologie ist: global denken, lokal handeln. Wenn wir in Deutschland agrarökologisch handeln, hat das auch immer positive Effekte in anderen Teilen der Welt. In diesem Fall sind tierische Produkte ein sinnbildliches Beispiel: So verhindert die bäuerliche Tierhaltung in kleinen Beständen, mit Futter aus eigenem Anbau oder vom Hof nebenan, gekoppelt mit einer lokalen Verarbeitung und einem lokalen Verbrauch tierischer Produkte, dass wir (a) massenhaft Soja und Mais als Futtermittel aus dem Globalen Süden importieren und damit Landkonflikte anheizen und (b) andere Märkte mit Billigprodukten schwemmen und so die lokale bäuerliche Landwirtschaft verdrängen.
Wir alle können Teil von Agrarökologie werden!
Egal ob wir landwirtschaftliche Produktion betreiben, in der Verarbeitung oder dem Vertrieb tätig sind, oder ob wir uns als Verbraucher*innen einordnen. Wir alle können agrarökologische Schritte nach vorne machen.
Ein letztes Beispiel: Es mag keinen Unterschied für die vier großen Einzelhandelskonzerne Edeka-, Rewe-, Schwarz-Gruppe oder Aldi machen, ob wir dort einkaufen oder nicht – aber es macht einen großen, ja existentiellen Unterschied für einen Hofladen, handwerklichen Bäcker, genossenschaftlichen Supermarkt oder eine Solidarische Landwirtschaft, ob wir dort einkaufen oder Mitglied sind oder nicht. Es sind solche, vermeintlich kleine alltägliche Schritte, die dazu beitragen, agrarökologische Strukturen aufrechtzuerhalten und zu stützen.
Und, basierend auf dem Völkerrecht können wir vom Staat einfordern, dass er uns dabei den Rücken stärkt. Auf dieser Grundlage fordern wir von der Bundesregierung, Strukturen zu schaffen, durch die die Agrarökologie gedeihen kann und Menschen, die sich eine Teilhabe an der Agrarökologie nicht leisten können, mit den Ressourcen zu unterstützen, die diese dafür benötigen.



