von Suse Brettin, wissenschaftlifche Mitarbeiterin an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde
Die Vorstellung von Landwirtschaft als „geschlechtslosem“ Raum hält sich erstaunlich. Doch ein Blick in Geschichte und Gegenwart landwirtschaftlicher Arbeit zeigt deutlich: Diese war nie geschlechtsneutral, sondern seit jeher durchzogen von vergeschlechtlichter Arbeitsteilung, kulturellen Zuschreibungen und ungleichen Machtverhältnissen.
In vielen Debatten sind Geschlechterverhältnisse präsent, aber selten explizit benannt. Dabei prägen heteropatriarchale Strukturen die Landwirtschaft bis heute maßgeblich: Eigentum an Land, Zugang zu Ressourcen und Entscheidungsgewalt liegen überwiegend in männlicher Hand. Frauen* sind zwar integraler Bestandteil landwirtschaftlicher Arbeit, bleiben jedoch häufig strukturell benachteiligt (1).
Während die Rolle von Frauen* in der Landwirtschaft inzwischen zunehmend in den Fokus kommt, bleiben queere Lebensrealitäten vielfach außen vor. Erste Studien zeigen, dass heteropatriarchale Strukturen nicht nur die Sichtbarkeit von queeren und nicht-binären Personen einschränken, sondern auch ganz konkrete materielle Folgen haben können – etwa beim Zugang zu Land oder bei der sozialen Absicherung.
Neben Fragen von Besitz und Macht spielt auch die symbolische Ebene eine große Rolle. Landwirtschaft ist kulturell tief mit bestimmten Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft. Studien zeigen, dass Tätigkeiten und Eigenschaften, die als „typisch landwirtschaftlich“ gelten, häufig männlich konnotiert sind: körperliche Stärke, technische Kompetenz, Unabhängigkeit und die „Beherrschung“ der Natur. Neben diese traditionellen Ideale treten aufgrund von Globalisierung und Neoliberalisierung auch unternehmerisches Denken, betriebswirtschaftliche Effizienz und technologische Expertise. Das Grundmuster: Vor allem „maskulinisierte“ Eigenschaften werden aufgewertet, andere – insbesondere solche, die mit Fürsorge, Beziehungspflege und Reproduktion verbunden sind – systematisch abgewertet.

Unsichtbare Arbeit, unterschätzte Werte
Diese Hierarchisierung hat konkrete Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Praxis. Produktivität und technologischer Fortschritt stehen oft im Vordergrund, während Sorgearbeit, soziale Beziehungen und ökologische Einbettung als zweitrangig erscheinen. Dabei sind es gerade diese „feminisierten“ Aspekte, die für eine sozial-ökologische Transformation zentral sind.
Feministische, agrarsoziologische Ansätze betonen seit langem, dass nachhaltige Landwirtschaft nicht allein auf Effizienz reduziert werden kann. Sie erfordert vielmehr eine Ausrichtung am Wohlergehen aller – von Menschen über Tiere bis hin zu Ökosystemen. Perspektiven, die Fürsorge, Kooperation und langfristige Verantwortung in den Mittelpunkt stellen, gewinnen daher zunehmend an Bedeutung, werden jedoch oft noch unzureichend anerkannt.
Internationale Bewegungen beginnen, diese vielfältigen Zusammenhänge stärker zu adressieren. Während agrarpolitische Erklärungen die Rolle von Frauen* zwar teilweise anerkennen, bleiben strukturelle Fragen von Geschlechtervielfalt und Gleichberechtigung vielfach unberücksichtigt. Erst in jüngerer Zeit werden diese Themen allmählich in gesellschaftspolitische Debatten integriert.
Nachhaltigkeit braucht Gerechtigkeit
Geschlechtergerechtigkeit eröffnet den Raum, bislang marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen – und damit neue Wege für eine Landwirtschaft, die ökologisch tragfähig, sozial gerecht und vielfältig ist. Es geht dabei nicht nur um die gerechtere Verteilung von Ressourcen, sondern auch um eine Neubewertung dessen, was als relevante Praxis, als wertvolles Wissen und als zukunftsfähige Landwirtschaft gilt. Geschlechtergerechtigkeit in der Landwirtschaft betrifft die Teilhabe, Anerkennung und gemeinsame Gestaltung unserer Lebensgrundlagen.
(1) “Frauen*“ verweist auf ein inklusives Verständnis, das alle Personen einschließt, die sich als Frauen identifizieren
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