FIAN Deutschland
FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger
17.05.2018

Essay: Wie kann Entwicklungspolitik zur Überwindung des Welthungers beitragen?

von Anika Mahla, Vorstandsmitglied FIAN Deutschland


Sowohl das Recht auf Nahrung sowie Ernährungssouveränität müssen erkämpft werden

Nie zuvor wurde so viel Nahrung produziert wie heute. Die Zuwachsraten in der landwirtschaftlichen Produktion sind beeindruckend und der Sektor ist mit einem Anteil von zwei Drittel in agrarisch geprägten Ländern einer der größten Wirtschaftszweige (Weltbank 2007). Und obwohl sich davon problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnten, scheint die Erreichung des zweiten Nachhaltigkeitsziels (SDG 2) noch in weiter Ferne. Es zielt darauf ab, sowohl den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit sowie eine qualitativ bessere Ernährung zu erreichen als auch eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Denn trotz des Überflusses müssen noch über 815 Millionen Menschen chronisch hungern und um ihr tägliches Überleben bangen. Während das erste Millenniumsentwicklungsziel im Jahr 2000 Hungerbekämpfung noch, sachlich durchaus begründet, in MDG 1 mit der Überwindung von Armut zusammenfasste, wurden die Ziele im Zuge der SDGs 2015 aufgesplittet, aber weiterhin als prioritär betrachtet. Die Halbierung der Unterernährung im Zeitraum von 1990 bis 2015 wurde beinahe erreicht. Allerdings ging dem eine Anpassung der Berechnungsgrundlage voraus und der Rückgang war deutlich langsamer als bei Armut (Hickel 2015).

Der Anteil Hungernder in Südasien und Subsahara-Afrika ist immer noch sehr hoch. Die SDGs sehen vor, bis 2030 den Hunger komplett zu überwinden. Zusätzlich wurde SDG 2 spezifischer und um die Dimensionen Ernährung und nachhaltige Landwirtschaft ergänzt. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass auch in immer mehr Entwicklungsländern mittlerweile mehr Über- als Unterernährte leben und die Landwirtschaft oftmals durch die Übernutzung der natürlichen Ressourcen auf Kosten der Natur geht. Somit sind die SDGs deutlich integrativer gestaltet und schenken auch den Interdependenzen zwischen Politikfeldern mehr Aufmerksamkeit. Dies kommt auch durch die Universalität zum Ausdruck: Bei den SDGs sind Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen gefordert, denn gerade Themen wie Agrarsubventionspolitik, Beimischungsquoten für Agrartreibstoffe und Finanzmarktregulierung (zur Dezimierung der Preisschwankungen von Nahrungsmitteln) sind hochgradig wichtig für die Überwindung von Unter- und Mangelernährung.

Im Agrar- und Lebensmittelsystem läuft einiges in die falsche Richtung
Die jüngste Ernährungskrise vor gut 10 Jahren brachte Hungerbekämpfung wieder zurück auf die Agenden der internationalen Gebergemeinschaft. In den Blick geriet auch, dass über zwei Milliarden Menschen an „verstecktem“ Hunger leiden, weil sie mangelernährt sind. Dennoch landet jährlich etwa ein Drittel – in Industrieländern sogar noch mehr – der für den menschlichen Verzehr hergestellten Nahrungsmittel auf dem Müll. Die Erkenntnis, dass in unserem Agrar- und Lebensmittelsystem (food system) einiges in die falsche Richtung läuft, drängt sich auch mit Blick auf die soziale sowie ökologische(1) Bilanz der industrialisierten Landwirtschaft auf. Letztere wird vielfach als Zukunftsvision angesehen. Doch eine hochgradige Spezialisierung auf wenige Erzeugnisse (Weizen, Reis und Mais) lässt die Vielfalt auf unseren Tellern und Feldern zugunsten einer Mono(ess)kultur zurückgehen. Lange, globale Wertschöpfungsketten und der Einsatz fossiler Brennstoffe u.a. für Düngemittel heizen das Klima weiter an. Sie zementieren bäuerliche Abhängigkeit von der Agrarindustrie sowie die Ausbeutung von Plantagenarbeiter*innen im globalen Süden.

Entwicklungspolitisch bedeutsam ist, dass in vielen Ländern südlich der Sahara durchschnittlich jede/r Fünfte von Unterernährung betroffen ist. Die Ernährungslage ist zusätzlich angespannt durch die hohen Preise für Nahrungsmittel und Energie, zunehmende Dürren, bewaffnete Konflikte und anhaltendes Bevölkerungswachstum. Paradoxerweise ist Hunger vorwiegend ein ländliches Problem, welches insbesondere Kleinbauern und -bäuerinnen betrifft. Nicht zuletzt lässt sich eine Feminisierung von Armut (Nuscheler 2012) und Hunger sowie der Landwirtschaft beobachten. Zentral für die Geschlechtergerechtigkeit (SDG 5) ist, die Analyse der Geschlechter¬verhältnisse (Gender Impact Assessments) und haushaltsinterner Dynamiken sowie das Empowerment von Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) verstärkt zu fördern. Dazu gehört auch die Frage, wie Macht, (bezahlte und unbezahlte) Arbeit, Einkommen, Landbesitz, Ressourcenzugang sowie Entscheidungsmöglichkeiten verteilt sind.

EZ kann Änderungen mit anstoßen, wenn sie die Selbstorganisation von Frauen unterstützt. Außerdem kann sie die Partnerländer bei einer geschlechtergerechten Gesetzgebung beraten, um beispielsweise die Diskriminierung von Frauen beim Ressourcenzugang sowie Land- und Erbrecht zu bekämpfen. Hierzu ist die Umsetzung der freiwilligen Leitlinien zu Landnutzungsrechten (VGGT) entscheidend, die der Ausschuss für Welternährungssicherung der Vereinten Nationen (CFS) 2012 entwickelt hat. Einen wichtigen Hebel stellen zudem Frauenrechte bei der Vergabe von Landtiteln bzw. die Kontrolle und der Zugang zu Land dar, wobei verwitwete und geschiedene Frauen besondere Förderung benötigen. Wenn dadurch Nahrungssicherheit, Produktivität und Einkommen steigen, reduziert sich in der Regel auch die Armut.

Ein Umdenken ist nicht zuletzt in der staatlichen EZ angezeigt. Sie sollte sich der Transformation der Agrarsysteme annehmen und die bahnbrechenden Erkenntnisse des Weltagrarberichts (IAASTD 2009) sowie des internationalen Panels für nachhaltige Ernährungs- und Landwirtschaftssysteme (IPES-Food 2016) ernstnehmen. Demnach reicht es nicht aus, wie in der Vergangenheit, lediglich auf Produktivitätssteigerung abzuzielen. Vielmehr sind neue Erfolgskriterien erforderlich, so etwa zur Bodenqualität oder zur Vielfalt von Sorten und Rassen. Unbestritten ist die Notwendigkeit, mehr zu produzieren, dahingegen jedoch das Ausmaß, da bei FAO (2017)-Schätzungen (bis zu 50%) auch Agrartreibstoffe und andere bioökonomische Bedarfe sowie die Tierfutterproduktion dazu zählen. Das Länderbeispiel Indien zeigt, dass Hunger auch trotz großer Agrarüberschüsse weiterbestehen kann. Denn Nahrung wird ungleich verteilt, und bei (extremer) Armut fehlt die entsprechende Kaufkraft. Der Zugang zu Nahrung ist also entscheidender als deren bloße Verfügbarkeit.

Vermehrt gibt es Multi-Stakeholder-Initiativen, die die Agrar- und Lebensmittelindustrie mit umfassen, wie beispielsweise bei der Neuen Allianz für Ernährungssicherung der G7-Staaten. Hier sollte die EZ auf Kriterien und Standards drängen, die sich am Menschenrecht auf Nahrung ausrichten. Dies bedeutet auch, die Kontrolle über Land, Wasser und Saatgut in allererster Linie in bäuerliche Hände zu legen. Armutsorientierte Entwicklungspolitik hat den ländlichen Raum zu lange vernachlässigt. Besondere Priorität verdienen nun integrierte Vorhaben, die die landwirtschaftliche Produktion nicht isoliert sehen, sondern mit der Bereitstellung von Infrastruktur (vor allem Zugangs¬straßen, aber auch Vorratslager) und Dienstleistungen wie Spar- und Kreditsystemen verknüpfen. Wie in Subsahara-Afrika mit 90% (Spencer 2002) erzeugen Kleinproduzent*innen auch in anderen Ländern die überwältigende Mehrheit von Nahrungsmitteln. Entwicklungsvorhaben sollten sie bereits im Planungsstadium einbeziehen. Wichtige Anknüpfungspunkte sind der Zugang zu Land und Wasser sowie zu lokalen Märkten und fairen Preisen. EZ-Förderung kann Hunger besonders effektiv bekämpfen, wenn sie sich entsprechend auf Nahrungsmittel (Food Crops) statt auf Cash Crops konzentriert.

Zeit für einen Paradigmenwechsel
Agrarökologische Ansätze bieten als Alternative zur industrialisierten Landwirtschaft viel Potenzial, um eine Ernährungssicherung von unten anzustoßen. Sie leisten auch einen Beitrag zu bäuerlicher Autonomie, nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern sowie dem Schutz von Ökosystemen und Erhalt der Biodiversität (SDGs 12 und 15). Agrarökologie ist aber mehr als ein landwirtschaftliches Konzept. Es verkörpert auch eine soziale Bewegung. Im Mittelpunkt stehen ganzheitliche und diversifizierte Systeme (Betriebe sowie Agrarlandschaften), natürliche Synergien zwischen Pflanzen und Spezies sowie die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. Statt teuren chemischen Düngemitteln kommen organische Alternativen wie Mist, Kompost oder auch Hülsenfrüchte (Leguminosen) zum Einsatz, die stickstoffbindende Eigenschaften besitzen.

Der Ansatz ist sehr wissensintensiv und erfordert ein Gegenmodell zur gängigen Agrarberatung durch externe Expert*innen. Stattdessen strebt er partizipative Forschung und einen gleichberechtigten Austausch zum Lernen an, wobei marginalisierte Gruppen integraler Bestandteil sind. Da der Ansatz durch eine hohe Arbeitsintensität geprägt ist, können auch Perspektiven für die ländliche Jugend eröffnet und dem wachsenden Urbanisierungsdruck entgegen gewirkt werden.

Darüber hinaus sind im ländlichen Raum Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft wichtig. Bildungsmaßnahmen ermöglichen die Entwicklung lokaler Wertschöpfungsketten. Das gesamte Food Regime (McMichael 2009) bedarf einer politischen, sozialen und ökologischen Umgestaltung. Denn die SDGs 6, 7 und 13 zu Wasser, Energie und Klimawandel sind untrennbar mit der Art der Landwirtschaft verbunden. Nur ein Sektor übergreifendes Denken kann Zielkonflikte vermeiden und den Interdependenzen des „Water-Energy-Food Nexus“ gerecht werden. Dem entspricht auf politischer Ebene die Idee der Ernährungssouveränität, die für Länder, Gemeinschaften und Gruppen das demokratische Selbst¬bestimmungs¬recht über die eigene Ernährungs- und Landwirtschafts-politik einfordert. Die Idee spiegelt sich in Europa in dem Konzept der Solidarischen Landwirtschaft wider, in Südamerika etwa in der Landlosenbewegung in Brasilien.

Wenn sich die EZ stärker dem beschriebenen Paradigmenwechsel anschließt, kann sie einen wertvollen Beitrag für das zweite SDG leisten. Gerade in der Ernährungssicherung zeigt sich jedoch, wie notwendig eine Kohärenz mit anderen Bereichen staatlichen Handelns ist, so bei der Handels-, Wirtschafts-, Agrar-, (Bio-)Energie-, Gesundheits-, Klima- und Umweltpolitik. Damit Hunger in allen seinen Formen noch dieses Jahrhundert beseitigt werden kann, ist folglich Sektor übergreifendes Denken dringend erforderlich.

(1) Aufgrund von Treibhausgasemissionen, Entwaldung, (Massen)Tierhaltung, Einsatz von chemischen Düngemitteln sowie langen Wertschöpfungsketten und entsprechenden Transportwegen ist das auf der Agrarindustrie basierende Food System ein Treiber für die Klimakrise (La Via Campesina/GRAIN 2014).

Literatur

Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) 2017: The future of food and agriculture. Trends and challenges. Rome.

Hickel, Jason 2015: The true extent of global poverty and hunger: Questioning the good news narrative of the Millennium Development Goals, in: The World Quartely, 37 (5): 749-767.

International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (IAASTD) 2009: Agriculture at a Crossroads. Synthesis of the Global and Sub-Global IAASTD Reports. Island Press.

International Panel of Experts on Sustainable Food Systems (IPES-Food) 2016: From Uniformity to Diversity: A paradigm shift from industrial agriculture to diversified agroecological systems. http://www.ipes-food.org.

La Via Campesina/GRAIN (2014): Food sovereignty: five steps to cool the planet and feed its people. https://www.grain.org/article/entries/5102-food-sovereignty-five-steps-to-cool-the-planet-and-feed-its-people.

McMichael, Philip 2009: A food regime genealogy, in: The Journal of Peasant Studies, 36 (1): 139-169.

Nuscheler, Franz 2012: Lern- und Arbeitsbuch. Entwicklungspolitik, 7. überarb. u. aktual. Aufl., Dietz Verlag: Bonn.

Spencer, Dunstan 2002. The future of africulture in Sub-Saharan Africa and South Asia, in: Sustainable Food Security for All by 2020. Proceedings of an International Conference, September 4-6, 2001, Bonn, Germany. International Food Policy Research Institute, Washington, D.C.

Weltbank 2007. World Development Report 2008. Agriculture for Development, Washington, D. C.

Anika Mahla ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Universität Duisburg-Essen. Sie arbeitet im Forschungsprojekt „Wege aus extremer Armut, Vulnerabilität und Ernährungsunsicherheit“. Außerdem ist sie Vorstandsmitglied von FIAN Deutschland. Dieser Text ist bereits im Sammelband „Entwicklungspolitik in Zeiten der SDGs. Essays zum 80. Geburtstag von Franz Nuscheler“ hrsg. von Tobias Debiel erschienen.
https://inef.uni-due.de/index.php?article_id=17&clang=1&pub_id=1812