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FIAN Deutschland
FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger
06.05.2020

Kambodscha: Prekäre Arbeitsmigration im Zuge von Verschuldung durch Mikrokredite

Kambodscha: Prekäre Arbeitsmigration im Zuge von Verschuldung durch Mikrokredite

Die kambodschanische Menschenrechtsorganisation LICADHO, langjähriger Partner von FIAN, veröffentlicht einen Bericht und ein Video über den Zusammenhang zwischen der exzessiven Vergabe von Mikrokrediten und transnationaler Migration. Mehr als zwei Millionen Kambodschaner*innen sind durch Mikro- und Kleinkredite verschuldet.

Ihre Schulden veranlassen viele Kambodschaner*innen, ins Ausland zu migrieren, wo sie zum Teil unter prekären Bedingungen arbeiten, um die Rückzahlung der Darlehen zu sichern. Auch die deutsche staatliche Entwicklungszusammenarbeit steht in der Verantwortung. LICADHO untersuchte den Zusammenhang von Verschuldung und Migration anhand einer Fallstudie eines Dorfes an der Grenze zu Thailand. In Interviews mit den Dorfbewohner*innen gab der Großteil der Befragten an, dass die hohe Verschuldung durch Mikrokredite der Hauptgrund für Arbeitsmigration von Familienangehörigen sei. Mitunter drängten Mitarbeiter*innen der Mikrofinanzinstitute (MFI) die Kreditnehmer*innen zur Migration ins Ausland oder forderten dies gar als Voraussetzung für die Vergabe der Kredite. Diese werden oftmals in der thailändischen Währung (Thai Baht) vergeben, was weiterhin den Druck zu migrieren erhöht. Ein weiteres großes Problem ist die Einbeziehung von Landtiteln als Sicherheit durch die MFI – bei Rückzahlungsschwierigkeiten droht den Kreditnehmer*innen dann Landverlust. Der Druck auf die Familien ist so groß, dass sich mitunter auch minderjährige Familienmitglieder auf den Weg nach Thailand machen, um dort zu arbeiten. Insbesondere Minderjährige laufen Gefahr, Opfer von Menschenhandel zu werden.

Aufgrund der Corona-Krise ist es für viele Kambodschaner*innen momentan nicht möglich, Arbeit in Thailand zu finden. Bis jetzt sind über 80.000 Rückkehrer*innen verzeichnet, die Thailand wegen der Pandemie verlassen mussten. Viele Kredite können dadurch nicht zurückgezahlt werden. Die Menschen befürchten nun, ihr Land zu verlieren. Die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Kambodscha verschärfen die Probleme.

Die Bundesregierung trägt eine Mitverantwortung an der Überschuldung vieler Kambodschaner*innen und der daraus resultierenden Arbeitsmigration und dem drohenden Verlust von Land: Das BMZ und die deutschen Entwicklungsbanken KfW und DEG finanzieren seit vielen Jahren zahlreiche MFI in Kambodscha, trotz mangelnder staatlicher Regulierung und Kontrolle des Sektors. Den MFI wird lediglich freiwillige Selbstregulierung nahegelegt. Effektiver Schutz von Kreditnehmer*innen vor Missbrauch kann so in Kambodscha nicht erzielt werden. LICADHO kritisiert zudem, dass die internationalen Investoren einige Kredite an kambodschanische MFI in Thai Baht vergeben (welche die Mikrokredite an die kambodschanischen Kreditnehmer*innen ebenfalls in Thai Baht weitergeben), beispielsweise über den Mikrokreditfond Microfinance Enhancement Facility (MEF), an dem auch BMZ und KfW beteiligt sind.

Die Menschenrechtsorganisation LICADHO fordert daher u. a. die internationalen Investoren der MFI dazu auf, die Vergabe von Krediten in Thai Baht zu überprüfen und des Weiteren zu untersuchen, ob die exzessive Vergabe von Mikro- und Kleinkrediten zu unsicherer Migration, Menschenhandel und anderen Menschenrechtsverletzungen beigetragen hat. Wegen der Corona-Krise und deren wirtschaftlichen Auswirkungen sollten die MFI zudem alle Tilgungs- und Zinszahlungen für zunächst drei Monate aussetzen und die einbezogenen Landtitel an Kreditnehmer*innen zurückgegeben, um erzwungene Landverkäufe zu verhindern.

Erst letzte Woche forderten 141 Gemeinden aus ganz Kambodscha die Regierung in einer Petition zur temporären Aussetzung von Kreditrückzahlungen sowie zu mehr staatlicher Unterstützung während der Covid-19 Krise auf. Die kambodschanischen Behörden gingen abermals energisch gegen diesen Versuch der Zivilgesellschaft, sich Gehör zu verschaffen, vor: Neun Gemeindevertreter*innen wurden sieben Stunden lang von den Behörden festgehalten und verhört, als sie versuchten, die Petition einzureichen. Nach den Befragungen wurden die Vertreter*innen dazu gezwungen, mit einem Fingerabdruck ein Dokument zu unterzeichnen, welches ihr Recht einschränkt, sich künftig für die Belange ihrer Gemeinden einzusetzen. „Solche Repressalien gegen die Zivilgesellschaft verdeutlichen, warum jetzt insbesondere auch die internationalen Geber gefragt sind, sich ihrer Verantwortung zu stellen und Druck auf die von ihnen finanzierten Mikrofinanzinstitute und die kambodschanische Regierung auszuüben. Es bedarf dringlich effektiver Maßnahmen zur Linderung der wachsenden Notlage der verschuldeten Haushalte im Kambodscha“, so FIAN-Referent Mathias Pfeifer.