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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Anne Bellows

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Anne Bellows ist Professorin für Ernährungswissenschaften am Institut für Gesundheitswesen, Ernährungswissenschaften und Nahrung an der Syracuse Universität (USA). Davor arbeitete sie als Professorin für Gender und Ernährung an der Universität in Hohenheim. Sie ist Mitglied des Vorstands von FIAN International und im redaktionellen Beirat des Right to Food and Nutrition Watch.

Was sind für Sie die Hauptursachen von Mangelernährung?

1. Die fehlenden Investitionen in Bildung im Agrar- und Ernährungsbereich welche
a) in der lokalen Öffentlichkeit und dabei besonders bei marginalisierten Gruppen – vor allem bei Frauen – ansetzen;
b)  lokales Wissen – vor allem das von marginalisierten Gruppen wie Frauen – miteinbezieht;
c) Strategien ermöglicht, die auf einem erreichbaren Level für lokale Bevölkerungen und vor allem den marginalisierten Gruppen darunter – v.a. Frauen – liegen;
d)  Selbstbestimmung und Autonomie, statt Anhängigkeit und Fremdeinflüsse, vor allem für marginalisierte Gruppen – v.a. Frauen – fördert; und
e) in ihrer effektiven Durchführung überprüft werden.
2. Der derzeitige Fokus auf die Maximierung von Produktion und Produktions-Effizienz (aus traditionell ökonomischer Perspektive). Dieser zielt nicht auf die verwundbarsten und am stärksten von Nahrungsunsicherheit betroffenen Gruppen ab. Dieser Fokus übersieht vielmehr, dass
a) die Lebensmittel-Produktion die Weltbevölkerung seit den 1960er Jahren überholt hat, während Fälle von Hunger und Mangelernährung weiterhin gestiegen sind;
b) die Produktion für den Export und/oder Nahrungsmengen und/oder von Tiernahrung (was Land- und Ressourcen effizienter ist) und/oder Bio-Treibstoffe gefördert wird.

Was sind die drei Schlüsselaufgaben, denen sich Regierungen widmen sollten, um Mangelernährung in den USA zu bekämpfen?

1. Sie sollten eine fortschrittliche Steuerordnung entwickeln, um Einkommensungleichheit zu reduzieren.
2. Das Agrargesetz (US Farm Bill) sollte in zweierlei Hinsicht geändert werden:
a) Die Unterstützung von KleinbäuerInnen sollte gesichert werden, um Monopolstellungen in der Nahrungsmittelproduktion zu verhindern.
b) Erträge/ Pflanzen, die den Ansprüchen der Nahrungspyramide und den Leitlinien der National Heart Association und der National Cancer Society entsprechen, sollten subventioniert werden, anstatt eine Nahrungsmittelproduktion zu fördern, die gesundheitsschädlich ist (wie es momentan geschieht).
3. In den USA müsste zudem die Finanzierung von Wahlkampagnen reformiert werden, um den Druck der Lobbyisten auf Regierungsbeamte zu reduzieren.

Wie schätzen Sie die Rolle von Konzerninteressen bezüglich Ernährung ein?

Konzerninteressen sind in erster Linie von den Interessen  der Teilhaber und Aktionäre geleitet, die einzig die Gewinnmaximierung im Blick haben. Ernährungsprodukte werden in erster Linie so gestaltet, dass sich mit ihnen Geld verdienen lässt und nicht, dass sie der öffentlichen Gesundheit dienen. Deshalb engagieren sich Konzerninteressen nicht für günstige Lösungen, die auf der Gemeinschafts- oder Haushaltsebene ansetzen. Konzerninteressen zielen darauf ab, Marktbedingungen zu schaffen, die zunehmend wettbewerbsorientiert und monopolistisch sind.
Konzerne haben die Kapazitäten, neue benötigte Produkte im medizinisch-pharmazeutischen Bereich zu entwickeln. Hierbei muss man sich als erstes fragen, warum haben Konzerne und nicht  Regierungen diese Kapazitäten? Vielleicht verbirgt sich dahinter das größere Thema von Steuergerechtigkeit? Als zweites steht die Frage im Raum: Sollten nicht Regierungen (die als politische Instanz im Auftrag der Bevölkerung agieren) und nicht Unternehmen (die im Interesse ihrer Anteilseigner/ Aktionäre/ Teilhaber agieren), die Prioritäten für  Forschungs- und Entwicklung setzen? Und zuletzt die Frage: Wie oft ist es notwendig, dass ernährungsspezifische Probleme mit pharmazeutischen Lösungen beantwortet werden? Die Antwort ist: selten. Ernährung muss durch lokale und nationale Ernährungssysteme sichergestellt werden.

Wie bewerten Sie Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln? Ist die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln eine sinnvolle Herangehensweise?

Ich habe kein fundiertes Fachwissen, um die Frage angemessen zu beantworten. Es gibt Fälle, in denen eine Anreicherung sehr wichtig ist, beispielsweise bei Jod im Salz. Das wichtigste ist jedoch, vehement dem Trend entgegen zu wirken, dass die Anreicherung von Nahrungsmitteln als Allheilmittel gesehen wird. Die Erhaltung und Verbesserung über das Wissen und die Praxis von grundlegenden Ernährungsweisen von gesunder Ernährung darf nicht in den Hintergrund gedrängt werden. Gesunde Ernährung bedeutet weniger verarbeitete Nahrungsmittel, die auf lokalen und nationalen Lebensmittelmärkten bezogen werden können. Es muss ein lokaler/ regionaler/ nationaler Dialog stattfinden, der Lebensmittelhersteller und Verbraucher miteinbezieht, um sich darüber klar zu werden, was zugänglich ist und was benötigt wird, um eine ausgewogene, nachhaltige und lokale Nahrungsmittelwirtschaft zu etablieren.

Inwieweit kann die Stärkung der Frauenrechte einen Beitrag bei der Beseitigung von Mangelernährung leisten?

Frauen müssen auf allen Stufen des Prozesses miteinbezogen werden. Alle sagen das. Aber damit das passieren kann, müssen Frauen gegen Diskriminierung und Gewalt geschützt werden, wenn sie „aus der Reihe tanzen“ und sich öffentlich engagieren. Diejenigen, die sich mit Ernährungsprogrammen oder Forschung beschäftigen, müssen erkennen, dass es mehr kostet, die marginalisierte Bevölkerung einzubinden - einschließlich, aber nicht nur Frauen. Es braucht mehr Zeit, man muss den richtigen Ansatz finden, man muss mit anderen ein Netzwerk bilden, die mit marginalisierten Frauen arbeiten. Man muss erkennen, dass Mangelernährung möglicherweise nicht das wichtigste Anliegen ist, oder dass es mit anderen Anliegen verflochten ist, wie mit der unmittelbaren Drohung von Gewalt, verschmutztem Wasser, dem Bedarf nach einer Unterkunft. Wir müssen mehr zuhören, was bedeutet, dass diese Arbeit teurer und zeitaufwändiger ist.

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Claudio Schufan - Flavio Valente - Juan Carlos Morales - Wilhelmina Pelegrina - Xaviera Cabada

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