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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Claudio Schuftan

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Claudio Schuftan lebt in Vietnam, ist Kinderarzt und Gesundheits- und Ernährungswissenschaftler, und beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit Ernährungsfragen. Er versteht sich selbst als Ernährungsaktivist, der in den 1970er Jahren in seinem Heimatland Chile politisiert wurde. Ernährung bedeutet für ihn eine Verbindung aus Wissenschaft, Gesundheit und Politik.

Was sind nach Ihrer Ansicht die Hauptursachen von Mangelernährung?

Ich schließe mich diesbezüglich zu 100 Prozent dem UNICEF-Konzept an, welches 1990 entwickelt wurde und Mangelernährung als ein Ergebnis von unmittelbaren, tieferliegenden sowie grundlegenden Ursachen betrachtet. Ich habe 1983 an einem Workshop in Tansania teilgenommen, bei welchem diese Idee geboren wurde. Die entscheidende Aussage dieses Rahmenwerks ist, dass es zwar notwendig, aber eben nicht ausreichend ist, die einzelnen Punkte getrennt anzugehen. Seit mehr als 40 Jahren wird massiv versäumt, die grundlegenden Ursachen anzupacken. Das Problem ist daher noch nicht gelöst.

Wie schätzen Sie die Rolle von Konzerninteressen bezüglich Ernährung ein?

In der Mehrheit betrachte ich diese als schädlich, aber es handelt sich letztlich um eine heterogene Gruppe. Es gibt Ausnahmen. Aber in der Regel ist es so, dass die Interessen von Unternehmen Regierungen und die Entscheidungsprozesse internationaler Institutionen unterwandern. Am häufigsten (aber nicht nur) im Rahmen von Mechanismen öffentlich-privater Partnerschaften. Wenn ich die SUN-Initiative („Scaling up Nutrition“) betrachte, schüttelt es mich, welche Rolle dabei dem privaten Sektor zu Teil wird, ohne auf Interessenskonflikte zu achten. Aber SUN ist mittlerweile weltweit das Maß der Dinge. Meiner Ansicht nach werden Länder, die daran partizipieren, über den Tisch gezogen. Sie richten lokale Plattformen ein, in denen die Unternehmen großen Einfluss haben. Was wir sehen werden sind Fertigprodukte wie Erdnusspaste, mehr Landgrabbing, mehr gentechnisch veränderte Nutzpflanzen, und weniger agro-ökologische Landwirtschaft oder Unterstützung für KleinbäuerInnen.

Müssen wir Konzerninteressen starker regulieren um Mangelernährung zu bekämpfen?

Ja, denn diese sind Teil des Problems. Die Beförderung der Gesundheit und Ernährung kann sich nicht in der Fokussierung auf der Veränderung von individuellem Verhalten erschöpfen. Dies ist genau das, wozu uns die Industrie bringen möchte. Dabei sind es deren aggressive Marketing-Strategien, die unsere Essgewohnheiten beeinflussen – und zwar schlechte Essgewohnheiten. Dies betrifft insbesondere Kinder und muss reguliert werden. Freiwillige Leitlinien sind nicht einmal annähernd ausreichend! Die Lebensmittelindustrie bietet nun an, die Produkte mit weniger Zucker, Transfetten und Salz herzustellen. Dabei handelt es sich um einen Trick! Das Problem sind die massiv industriell weiterverarbeiteten Produkte im Allgemeinen, nicht deren Zusammensetzung. Wir wenden uns gegen Junk Food und streiten für gesunde Lebensmittel. Hochverarbeitete Lebensmitten könnten besteuert werden da Junk Food unerfreulicherweise günstiger ist als gesunde Nahrungsmittel.

Welche Art von Basisinitiativen sollten aus Ihrer Sicht unterstützt und gestärkt werden?

Um Mangelernährung zu bekämpfen ist umfassende Menschenrechtsbildung notwendig. Im Zuge dessen werden die RechteinhaberInnen jene Veränderungen einfordern, die sie als prioritär im Zusammenhang der eigenen Ernährungssicherheit betrachten, sei es der Zugang zu Land, Widerstand gegen Landgrabbing, die Stärkung der Frauen in der Landwirtschaft, agro-ökologische Praktiken, oder die Unterstützung von KleinfischerInnen und nomadischen Gemeinschaften.

Welche politischen Maßnahmen wären notwendig, damit arme Menschen Zugang zu vielfältigeren Nahrungsmitteln erhalten?

Investitionen und Ausbildung in agro-ökologischer Landwirtschaft sind notwendig für eine höhere Vielfalt. Andere Möglichkeiten bestehen darin, in Hunger-Zeiten vor der Erntesaison Grundnahrungsmittel und landwirtschaftliche Betriebsmittel zu subventionieren, sowie nach der Ernte die Lagerung von Feldfrüchten zu unterstützen, um Nahrungsmittelverluste zu reduzieren.

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Anne Bellows - Flavio Valente - Juan Carlos Morales - Wilhelmina Pelegrina - Xaviera Cabada

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