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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Flavio Valente

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Flavio Valente ist Arzt und beschäftigt sich seit vierzig Jahren mit ernährungsspezifischen Fragen. In seinem Heimatland Brasilien arbeitete er 15 Jahre als Universitätsprofessor für Ernährung, war Nationaler Berichterstatter für die Menschenrechte auf angemessene Nahrung, Wasser und Land und war ein Vertreter der Zivilgesellschaft im UN Standing Committee on Nutrition. Seit 2007 ist er Generalsekretär von FIAN International in Heidelberg.

Was sind für Sie die Hauptursachen von Mangelernährung?

Die Hauptursachen für Mangelernährung liegen meiner Ansicht nach in sozioökonomischen Ungleichheiten und Ausgrenzung. Diese äußern sich durch einen mangelnden Zugang und geringe Kontrolle über produktive Ressourcen, geringe Einkommen (Arbeitslosigkeit, Teilzeitbeschäftigung, Niedriglöhne, Abwesenheit von Rechtsvorschriften für Mindestlöhne, Zwangsarbeit etc.), ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und den mangelnden Zugang zu öffentlichen Versorgungseinrichtungen ( Wasser- und Sanitärstationen, Gesundheit, Kinderbetreuung/versorgung, soziale Sicherheit, Arbeitslosenversicherung, etc.).
In den meisten Fällen entstehen die genannten Punkte infolge eines Handelns oder eines Unterlassens seitens der Regierung, wie beispielsweise der Verkauf/ die Verpachtung von Landflächen an transnationale Unternehmen, was zur Vertreibung der ansässigen Landbevölkerung führt. Zudem existiert nur ein geringer Schutz der Besitzrechte von KleinbäuerInnen, FischerInnen und anderen LebensmittelherstellerInnen gegenüber Landaneignungen privater Unternehmen.

Weitere Punkte sind
• die Nichtverfügbarkeit von angemessenen, sicheren und vielfältigen Nahrungsmitteln. Dadurch wird den Menschen die Möglichkeit einer bezahlbaren und gesunden Ernährungsweise verwehrt.
• der Rückgang der Kinderernährung durch mütterliches Stillen aufgrund von Marketingkampagnen für Muttermilchersatzprodukte. Hierbei bedarf es einer stärkeren staatlichen Regulierung.
• die strukturelle Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen (Verletzung von Frauenrechten, die sexuelle und reproduktive Rechte miteinschließen, wie beispielsweise Kinderehen oder aufgezwungene Schwangerschaft minderjähriger Mädchen).
• der unzureichender Zugang zu Pflege- und Gesundheitseinrichtungen für Frauen, Mütter und Kinder.

Wie schätzen Sie die Rolle von Konzerninteressen bezüglich Ernährung ein?

Konzerninteressen im Bereich Ernährung sind sehr kritisch zu werten. Das Hauptaugenmerk auf Unternehmerseite - unter Absprache mit den Interessen der Anteilseigner - liegt darauf, Profite hervorzubringen. Die Unternehmerpraxis bestätigt dies. Der Einfluss von Unternehmerinteressen in den letzten Jahrzehnten hat folgende Wirkung gezeigt:

• Missbrauch des internationalen Kodex für die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten (WHO), was durch UNICEF und die Zivilgesellschaft/ Organisationen bestätigt wurde.
• Die “Landraub-Welle”, die aus dem enormen Anstieg der Nahrungsmittelpreise im Jahre 2008 hervorging und zu weiteren „hungernden“ Generationen führt.
• Verbreitung von Übergewicht und Adipositas mit einhergehendem Anstieg der Sterblichkeitsrate und Fällen nichtübertragbarer Krankheiten (Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Arteriosklerose, Gefäßerkrankungen und Krebs).

Wie bewerten Sie Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln? Ist die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln eine sinnvolle Herangehensweise?

Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln sind ein Versuch das Ernährungsproblem zu lösen, jedoch werden dabei die eigentlichen Ursachen von Mangelernährung ignoriert.
Es gibt zahlreiche Beispiele, die verdeutlichen, dass eine Förderung der Produktion vielfältiger Nahrungsmittel, die eine ausgewogene, gesunde und sichere Ernährungsweise gewährleistet, weitaus effizienter ist als die Anreicherung von Grundnahrungsmittel. Vor allem dann, wenn dies verbunden ist mit einer Politik, die die Kaufkraft der am meisten von Hunger Betroffenen stärkt.
Der Einsatz von Ernährungsergänzungsmitteln ist meist eng verknüpft mit den Interessen der Anbieter der Produkte (große transnationale Chemiekonzerne) und den lokalen industriellen/ gewerblichen Interessen.

Welche Art von Basisinitiativen sollten aus Ihrer Sicht unterstützt und gestärkt werden?

Wir brauchen eine breite Mobilisierung, sowie einem politischen Prozess, der die lokale Bevölkerung dazu befähigt, ihren verlorenen Zugang zu produktiven Ressourcen und Einkommensquellen wiederzugewinnen. Die ansässige Bevölkerung muss wieder entscheiden können, was angebaut wird und wie es angebaut wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Menschen, die am meisten von Hunger und Mangelernährung betroffen sind, Zugang zu vielfältigen, gesunden, bezahlbaren und sicheren Nahrungsmitteln haben.
Um vor mächtigen privaten und auch staatlichen Akteuren geschützt zu sein, benötigen solche Initiativen öffentlichen Schutz. Gleichzeitig bedarf es grundlegender öffentlicher Dienste wie beispielsweise Wasser- und Sanitärstationen, medizinische Grundversorgung, Bildungseinrichtungen oder stabile Energieversorgung. Darüber hinaus auch Landwirtschaftsberatung, gesetzliche Mindestlöhne oder Schaffung neuer Arbeitsplätze etc. All dies ist Teil der staatlichen Verpflichtung, das Recht auf Nahrung zu respektieren, zu schützen und durchzusetzen.

Inwieweit kann die Stärkung der Frauenrechte einen Beitrag bei der Beseitigung von Mangelernährung leisten?

Eine Sicherstellung der Frauenrechte ist notwendig um die Autonomie der Frau zu sichern, frei über ihren eigenen Körper und ihr Leben zu entscheiden. Ein wichtiger Aspekt ist die Bekämpfung von Kinderehen, da dies einen erheblichen Einfluss auf die Autonomie der Frau hat. Von zentraler Bedeutung ist die Reduzierung von aufgezwungenen Schwangerschaften minderjähriger Mädchen und den damit einhergehenden Risiken (Mangelernährung von Mutter und Kind, Gesundheitsrisiken und höhere Sterblichkeitsrate).

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Anne Bellows - Claudio Schuftan - Juan Carlos Morales - Wilhelmina Pelegrina - Xaviera Cabada

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