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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Gertrud Falk

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Gertrud Falk ist Sozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin in der Geschäftsstelle von FIAN Deutschland. Seit 2002 unterstützt sie im Auftrag von FIAN KleinbäuerInnen in Uganda, die 2001 für die deutsche Kaffeeplantage Kaweri Coffee Plantation von ihrem Land vertrieben wurden. Bis heute kämpfen sie um Entschädigung. Im Oktober 2014 war sie in Uganda und hat eine Woche lang Gespräche mit den Vertriebenen geführt, die am Rande der Kaweri Kaffeeplantage um das tägliche Überleben kämpfen.

Vor der Vertreibung haben die Familien einen Großteil ihrer Nahrung selbst angebaut. Wie ist die Situation heute?

Seit der Vertreibung fehlt den Familien Zugang zu Land, um genügend Nahrungsmittel anzubauen. Sie können sich daher nicht ausreichend ernähren. Daher essen viele Familien nur eine richtige Mahlzeit pro Tag. Vor allem für die Kinder ist das viel zu wenig. Viele von ihnen müssen ohne Frühstück zur Schule gehen und bekommen selbst dort nur dann ein schlichtes Mittagessen, wenn ihre Eltern die Schulspeisung entweder bezahlt oder Mais dafür zur Verfügung gestellt haben.
Auch wenn Familien es sich leisten können Ackerland zum Nahrungsanbau zu pachten, können sich nur einseitig ernähren. Denn Landbesitzer verpachten dort Äcker nur für 6 Monate. Doch besonders energiereiche Nahrungsmittel wie Cassava oder Süßkartoffeln benötigen mehr Zeit um zu reifen. Genauso verhält es sich für das traditionelle Grundnahrungsmittel, die Kochbanane. So essen die Vertriebenen meistens nur Maisbrei mit etwas Soße oder dünne Maissuppe.
Diese Mangelernährung trifft Kinder und ältere Menschen am stärksten. Sichtbar sind bei vielen Kindern Blähbäuche oder Ansätze dazu. Ältere Menschen klagen, dass sie sich kraftlos fühlen. Viele sehen abgemagert aus.

Haben die Familien Zugang zu sauberem Trinkwasser oder besitzen sie Möglichkeiten Wasser zu sterilisieren?

Nur wenige Familien, die in der Nähe der Zapfhähne der Wasserleitung von der Plantage wohnen, können dort ab und zu Trinkwasser zapfen. Allerdings funktioniert die Wasserleitung laut Berichten maximal zweimal pro Woche. Daher bildet sich an diesen Tagen schnell eine lange Schlange und sogar dann ist es nicht gegeben, dass man wirklich die eigenen Wasserbehälter füllen kann. Deswegen müssten die Vertriebenen die meiste Zeit Wasser aus Tümpeln holen, welches keine Trinkwasserqualität hat. Das Wasser können sie oft jedoch nicht abkochen, da ihnen ein ausreichender Zugang zu Feuerholz fehlt. Sie ziehen sich daher oftmals Durchfallerkrankungen zu.
Tatsächlich ist die Beschaffung von Feuerholz ein weiteres Problem. Viele Vertriebene sind darauf angewiesen, Feuerholz in den Tälern der Kaweri-Plantage zu suchen, in denen der ursprünglichen Baumbestand noch steht. Sie werden dann jedoch oftmals von Kaweris Sicherheitspersonal schikaniert.

Wie steht es um den Zugang zu Basisgesundheitsversorgung? Gibt es bestimmte Gesundheitsrisiken?


Das nächste Krankenhaus ist etwa 9 km entfernt. Da die meisten Leute die Fahrtkosten zum Krankenhaus nicht aufbringen können, sind sie auf die Selbstbehandlung mit Heilkräutern angewiesen. Wenn sie doch ins Krankenhaus fahren, kann es passieren, dass das nötige Medikament dort nicht vorhanden ist. Dann müssen sie ins weiter entfernte Bezirkskrankenhaus fahren und oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen.
Besonders kritisch ist diese schlechte Nahrungs- und Gesundheitsversorgung für die vielen Mädchen, die bereits als Teenager schwanger werden. Frühe Schwangerschaften kommen in den Familien der Vertriebenen häufig vor. Die jungen Mädchen laufen dabei Gefahr sich mit HIV anzustecken, denn angeblich sind viele Plantagenarbeiter HIV-positiv. Sie umwerben junge Mädchen zum Beispiel mit Süßigkeiten oder auch rabiaten Methoden. Die Mädchen haben keine Möglichkeiten und Mittel sich vor Schwangerschaften und HIV zu schützen.

Ein Großteil der Vertriebenen versucht seit 2002 vor Gericht ihr Recht zu erstreiten. Welche Hoffnung verknüpfen sie mit diesem Prozess? Gibt es weitere Möglichkeiten, mit denen man die ugandische Regierung unter Druck setzen kann, ihren menschenrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen?

Der Staat lässt die Vertriebenen bis heute im Stich. Diese hatten die Hoffnung, für die Zerstörung ihres Besitzes und ihr erlittenes Leids entschädigt und als rechtmäßige BesitzerInnen des heutigen Plantagenlandes anerkannt zu werden. Das erste Urteil des Hohen Gerichts in Kampala im März 2013 – nach 11-jährigem Verfahren - ist auch zu ihren Gunsten ausgefallen. Ihre Freude darüber war unermesslich. Umso größer ist nun aber ihre Enttäuschung darüber, dass das Urteil nicht umgesetzt wird, weil Kaweri Coffee Plantation im August 2013 dagegen Berufung eingelegt hat und das Berufungsverfahren auch wieder verschleppt wird. Es hat noch keine Anhörung stattgefunden.
Es gibt jedoch auch Gründe für Hoffnung, denn nächstes Jahr muss Uganda sich beim Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der Vereinten Nationen für mögliche Menschenrechtsverletzungen rechtfertigen. Dafür hat FIAN einen Bericht zur Situation der Vertriebenen eingereicht. Wir hoffen, dass der Ausschuss sowohl Empfehlungen zur Wiedergutmachung der schweren Menschenrechtsverletzungen in dem konkreten Fall ausspricht als auch für strukturelle Veränderungen, damit solch eine Vertreibung in Zukunft nicht wieder passiert. Das bringt einerseits die Verantwortlichen unter Druck und ermöglicht es uns und den Vertrieben, von der ugandischen Regierung die Umsetzung der Empfehlungen einzufordern.

Lesen Sie sich hier die weiteren Interviews durch:

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