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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Juan Carlos Morales

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Juan Carlos Morales ist Geschäftsführer von FIAN Kolumbien. Er hat als Wissenschaftler an der Universidad Nacional de Colombia in der Abteilung für Auxologie (der Lehre vom Körperwachstum und der Entwicklung des Menschen) gearbeitet. Er beschäftigt sich als Experte mit der Geopolitik des Hungers und der Ernährung, beobachtet die öffentliche Ernährungspolitik und ist an der Erarbeitung von Indikatoren für die Umsetzung des Menschenrechts auf Nahrung beteiligt.

Was sind für Sie die Hauptursachen von Mangelernährung?

Die Hauptursachen des Hungers und der Mangelernährung haben strukturelle Gründe und lassen sich nicht auf einen Mangel an Lebensmitteln, Bildung oder auf selbstverschuldete Fahrlässigkeit der Betroffenen zurückführen, auch wenn diese Argumente gerne von einflussreichen Personen angeführt werden. Wenn man von strukturellen Ursachen spricht, muss man auch Armut und jede Form der Ausgrenzung berücksichtigen. Armut und Ausgrenzung verursacht, dass Menschen und bestimmte Gruppen keinen angemessenen Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln oder zu den benötigten Produktionsfaktoren haben. Sie können somit weder Nahrungsmittel selber erzeugen noch haben sie Zugriff auf sie.

Wie bewerten Sie Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln? Ist die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln eine sinnvolle Herangehensweise?

Niemand bestreitet die Nützlichkeit der Anreicherung von Nahrungsmitteln, um in spezifischen Fällen, wenn bestimmte Teile der Bevölkerung nicht auf mikronährstoffreiche Lebensmittel zugreifen können, Versorgung zu leisten. Angereicherte Lebensmittel sollte jedoch nicht als “Retter vor Hunger” falsch verstanden werden, denn die Verteidigung einer abwechslungsreichen, nahrhaften Ernährung, auf der Basis von produktiver Vielfalt und dem physischen Zugang zu Nahrung muss im Mittelpunkt unseres Einsatzes stehen. Eine vielfältige Ernährung ist nicht nur aus ernährungsphysiologischen Sicht fundamental, sondern sie ist auch der Schlüssel zu unserer Kultur und Menschenwürde.

Welche Risiken ergeben sich aus der Anreicherung von Grundnahrungsmitteln?

Unter den Risiken, die erwähnt werden können, möchte ich die Tatsache hervorheben, dass am Ende sogar die letzte Phase der Nahrungsaufnahme, nämlich die Kontrolle über das, was tatsächlich gegessen wird durch die Unternehmensmacht kontrolliert werden könnte. Die Einführung einer Ernährung durch angereicherten Lebensmittel zu erlauben, deren Verbrauch eigentlich nur eine Ergänzung sein soll, kann zu einer Bedrohung der Lebensmittelproduktion, besonders in weniger entwickelten Ländern, führen. Darüber hinaus ruft die neue Tendenz, die Art wie man Nahrung zu sich nimmt, gedankliche Parallelen zu der Fiktion in Huxleys Roman "Schöne neue Welt" hervor, (wo sich die Figuren mit Pillen und Getränken ernährten, die alle notwendigen Nährstoffe enthalten, weshalb keine Lebensmittel mehr verzehrt werden).

Welche Art von Basisinitiativen sollten aus Ihrer Sicht unterstützt und gestärkt werden?

Ernährungssouveränität beinhaltet nicht nur die Verteidigung der Produktionsmöglichkeiten und die Traditionen der Gemeinden, sondern auch die Souveränität des selbstbestimmten Lebensmittelkonsums. Ernährungssouveränität ist ein Prinzip welches stärker eingefordert und verteidigt werden sollte und eng mit der Verteidigung und Förderung des Rechts auf Nahrung verbunden ist. Auf der lokalen Ebene sollten sich Politiker auf die Stärkung der vielfältigen Produktion, insbesondere der Grundnahrungsmittel, konzentrieren. Außerdem sollten sie dieser Grundnahrungsmittel in die Märkte und traditionelle Formen des Handels und Konsums fördern. In unseren Gemeinden war es sehr üblich, dass es von einem einzigen Lebensmittelprodukt (Kartoffel, Getreide, Obst oder Kleintiere) verschiedene Variationen gab, die einfach das Ergebnis eines über Jahre dauernden komplexen Prozesses der künstlichen Selektion und Anpassung an jede Umgebung waren. Dies ist schnell verloren gegangen.

Inwieweit kann die Stärkung von Frauenrechten einen Beitrag zur Beseitigung von Mangelernährung leisten?

Frauen spielen im Kampf gegen die Mangelernährung eine zentrale Rolle. Als stillende Mütter sind sie zu Beginn selbst die Nahrungsquelle der Neugeborenen. Zudem sind es in vielen Teilen der Welt Frauen, die sich um die Hausarbeit kümmert und die über die Verwendung der Lebensmittelressourcen innerhalb der Familien entscheiden. Sie sind auch die bevorzugte Wissensquelle für Lebensmittelverarbeitung und kulinarische Vielfalt. Dies sollte nicht als Plädoyer für die Erhaltung von geschlechtsspezifenen Rollen missverstanden werden, vielmehr ist es die Anerkennung der Bedeutung von Frauen, welche die Probleme der Mangelernährung in Ländern mit Nahrungsmittelknappheit meistern. Die Förderung der Frauenrechte im Kampf gegen Mangelernährung ist auch deshalb von großer Bedeutung, da Frauen am häufigsten von Essstörungen (Bulimie, Anorexie) betroffen sind.

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Anne Bellows - Claudio Schuftan - Flavio Valente - Wilhelmina Pelegrina - Xaviera Cabada

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