FIAN Deutschland
FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Wilhelmina Pelegrina

© FIAN
© FIAN

Wilhelmina Pelegrina ist Mitarbeiterin von Greenpeace und ist dort für die Kampagne zu Ernährung und Landwirtschaft zuständig. Das Ziel dieser Kampagne ist es, Unterstützung für einen Wechsel von chemieintensiver zu ökologischer Landwirtschaft zu gewinnen. Ein Anliegen der Kampagne besteht darin, die Kommerzialisierung von gentechnisch veränderten Nahrungsmittelpflanzen - wie im Falle des gentechnisch veränderten „Golden“ Rice, der als Wundermittel zur Bekämpfung von Vitamin- A- Mangel angepriesen wurde - zu verhindern.

Was sind die Schlüsselaufgaben, denen sich Regierungen widmen sollten, um Mangelernährung auf nationaler Ebene zu bekämpfen?

Regierungen in Ländern mit niedrigem Volkseinkommen spielen kurzfristig, wie auch langfristig durch die Bereitstellung grundlegender öffentlicher Dienstleistungen eine entscheidende Rolle, was die der Mangelernährung zugrunde liegenden Probleme wie Armut Ernährungsunsicherheit angeht. Regierungen müssen ihren Fokus auf landwirtschaftliche Investitionen umlenken, die ökologische Landwirtschaft fördern. Ökologische Landwirtschaft ermöglicht es Landwirten, ihre Erträge und die Vielfalt an Anbaupflanzen zu steigern. Gleichzeitig werden ihre Aufwandskosten minimiert.
All dies führt zu einer verbesserten und vielfältigeren Ernährungsweise. Zudem steigert ökologische Landwirtschaft die Widerstandfähigkeit bei klimatischen oder ökonomischen Ausnahmesituationen und ermöglicht es Familien, bei Katastrophen schneller wieder auf die Beine zu kommen. Diese Investitionen müssen an einen verbesserten Zugang von Frauen und Kindern zu grundlegenden Gesundheitsdiensten, Wasser- und Sanitärstationen sowie lokalen Bildungsangeboten zum Thema Ernährung gekoppelt sein.
In gleicher Weise nehmen Regierungen in Ländern mit höheren Volkseinkommen eine entscheidende Rolle im Umgang mit Übergewicht ein, indem sie übermäßigen Konsum erkennen und angehen. Von zentraler Bedeutung sind dabei Initiativen und Programme, die die Bevölkerung in Richtung Ernährungsvielfalt weisen sowie der Förderung und Beschaffung von gesunden und nahrhaften Lebensmitteln – insbesondere durch Unterstützung ökologischer Landwirtschaft – dienen.

Wie schätzen Sie die Rolle von Konzerninteressen bezüglich Ernährung ein?

Unternehmen scheinen den Bereich der Ernährung zunehmend als gute Investitionsmöglichkeiten zu entdecken, um ihre Produkte, die kurzfristige Abhilfe bei Mangelernährung schaffen, zu verkaufen. Die Zahl an Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln nimmt heutzutage erheblich zu. Selbst Lebensmittel- und Agrarunternehmen greifen durch sog. “Nutraceuticals” und gentechnisch veränderte Pflanzensorten wie „goldenen“ Reis in diesen Bereich ein.
Obwohl bei Mangelernährung die Notwendigkeit sofortiger Abhilfe besteht, müssen wir einsehen, dass langfristige Lösungsansätze nie in Angriff genommen werden, wenn wir uns bloß auf kurzfristige Lösungen fokussieren. Wir müssen in nachhaltige Lösungswege wie ökologische Landwirtschaft investieren, wobei alle Akteure – auch Unternehmen – eine Rolle dabei spielen müssen, um umfassende Veränderungen mit Blick auf Praktiken und politische Steuerung herbeizuführen.
Unternehmen können eine positive Rolle bei der Ernährungssicherung spielen, sofern sie angemessen reguliert werden. Bedauerlicherweise gibt es Fälle, in denen Unternehmen im Interesse ihres eigenen Wachstums die Prioritätensetzung ganzer Länder bestimmen, wenn es um die Ernährung geht. Gerade in den politisch schwachen Staaten des Globalen Südens ist es wahrscheinlich, dass Ziele und Strategien letztlich von Unternehmen im Sinne derer Interessen und Prioritäten bestimmt werden und die Bedürfnisse und Interessen der BürgerInnen übergangen werden. In meinem Heimatland, den Philippinen, haben die Unternehmen ihre Interessen durchsetzen können, so dass der Staat gentechnisch veränderten „goldenen“ Reis scheinbar begrüßt – trotz des lautstarken Widerstands der Gemeinschaften und obwohl andere machbare Alternativen vorhanden sind.

Brauchen wir eine stärkere Regulierung von Konzerninteressen, um Mangelernährung zu bekämpfen?

Ja, um Unternehmenskonzentration zu vermeiden, die in unserem globalisierten Ernährungs- und Landwirtschaftssystem zusehends ein Problem darstellt. Im Jahre 2011 kontrollierten die Top 6 der weltweit größten Agrarchemie- Unternehmen 76% des absoluten Verkaufs von Agrochemikalien. Die Top 6 der Saatgut-Unternehmen kontrollieren 66% des globalen Saatgutmarktes. Es ist nicht erstrebenswert, dass ein paar wenige Unternehmen die globale Ernährungsproduktion kontrollieren.

Wie bewerten Sie Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln? Ist die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln eine sinnvolle Herangehensweise?

Programme zur Nahrungsmittelanreicherung, z.B. bei Vitamin-A-Mangel haben sich in Ländern wie Guatemala, Bangladesch, Südafrika und den Philippinen als Übergangslösung als effektiv erwiesen. Wo die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zentral organisiert ist und diese nicht lokal produziert und vertrieben werden, haben sich groß angelegte Programme zur Vitamin-A-Anreicherung als erfolgreicher Ansatz erwiesen.
Einen neuen Ansatz zur Nahrungsmittelanreicherung stellt die Biofortifikation dar, worunter gemeinhin die Anreicherung des Nährstoffgehalts von Pflanzen mittels Züchtung verstanden wird. Gentechnik wird verwendet, um Pflanzen mit einem höheren Nährstoffgehalt zu erzeugen, wie im Falle des gentechnisch veränderten „goldenen“ Reis. Allerdings birgt der Gebrauch dieser Reissorte Risiken, wenn diese inmitten einer Vielzahl von anderen Reissorten, wie etwa auf den Philippinen, eingesetzt wird. So gefährdet er die Vielfalt traditioneller Reissorten, Landrassen und wilden Verwandten von Reis und verringert unsere Fähigkeit, diese in Zukunft (für Nahrungszwecke) zu nutzen.
Es gibt durchaus Lösungen wie Nahrungsmittelanreicherung und Biofortifikation, die ohne Gentechnik auskommt. Allerdings ist zu beachten, dass die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln (mag es auch mittels Biofortifikation sein) nichts an den zugrundeliegenden Ursachen von Mangelernährung ändert. Auf lange Sicht ist es weiterhin notwendig, dass Menschen Zugang zu vielfältigen Nahrungsmitteln, um Ernährungs- und Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten.

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Anne Bellows - Claudio Schuftan - Flavio Valente - Juan Carlos Morales - Xaviera Cabada

Zurück zu der Petition gegen Mangelernährung