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FIAN DeutschlandMit Menschenrechten gegen den Hunger

Interview mit Xaviera Cabada

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Xaviera Cabada ist Koordinatorin für Ernährungsgesundheit bei El Poder del Consumidor A. C., einer mexikanischen Bürgerrechtsorganisation für die Rechte von VerbraucherInnen. Die Organisation führt unter anderem Kampagnen zum Einfluss von gezielten Marketingstrategien auf Kinder, zur Besteuerung sehr zuckerhaltiger Getränke und für eine effektive Kennzeichnung auf Lebensmittelverpackungen durch. Sie beschäftigt sich zudem mit den Ursachen und Auswirkungen von Fettleibigkeit in Mexico und Lateinamerika.

 

Was sind für Sie die Hauptursachen von Mangelernährung?

Wir haben erkannt, dass einer der Hauptgründe von Mangelernährung in den neuen Ernährungstrends liegt, bei denen von der traditionellen Ernährungsweise zum sogenannten „westlichen Speiseplan“ übergegangen wird. Dieser ist sehr einseitig, reich an Zucker, Fett und Salz und beinhaltet nur wenig Ballaststoffe. Diese Ernährungsweise wird durch irreführende Marketingkampagnen von großen Unternehmen vorangetrieben, die vor allem auf Kinder ausgerichtet sind, und die sich gegen Initiativen wenden, die die öffentliche Gesundheit fördern möchten, da diese sich negativ auf die Verkaufszahlen der Unternehmen auswirken könnten. Große Industrien investieren seit Jahrzehnten Billionen von Dollar, um ihre Produkte zu vermarkten und in unterschiedlichen Bereichen erfolgreiches Lobbying zu betreiben. Hierzu beigetragen hat auch die mangelnde Stärke in vielen Regierungen, die nötig ist, um sich diesen großen Unternehmen entgegenzustellen und sie zu regulieren. Somit unterliegen die Unternehmen keiner politischen Steuerung und können frei verfahren.

Was sind die Schlüsselaufgaben, denen sich Regierungen widmen sollten, um Mangelernährung zu bekämpfen?

Ungesetzliche Praktiken von großen Unternehmen in den unterschiedlichen Ländern müssen reguliert werden, die Interessenkonflikte angegangen, und die Unternehmen dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie Menschenrechte verletzen, insbesondere mit Blick auf Kinder. Marketing für Kinder muss reguliert und Verpackungen von Nahrungsmitteln klar gekennzeichnet werden. Landwirtschaftspolitik muss auf einer Vielfalt an Nutzpflanzen beruhen, sowie Nachhaltigkeit und Ernährungssouveränität befördern, indem kleine und mittlere ProduzentInnen unterstützt werden.
Eine große Gefahr für die Welt, die Ernährungspolitik und die Gesundheit der Bevölkerung stellen unterschiedliche Abkommen dar, die bereits unterzeichnet wurden (Freihandelsabkommen zwischen Mexico, den USA und Kanada) oder neuere, die gegenwärtig vorangetrieben werden und großen Unternehmen die Möglichkeit bieten würden, Regierungen zu verklagen, die Politikprogramme im Sinne der öffentlichen Gesundheit umsetzen und dadurch Einfluss auf den Markt nehmen.

Wie bewerten Sie Initiativen zur Anreicherung von Grundnahrungsmitteln?

Wir sind der Auffassung, dass Initiativen zur Nahrungsanreicherung lediglich dann zur Anwendung kommen sollten, wenn sie wirklich dringend benötigt werden. Regionale Lebensmittel müssen in der Bevölkerung gefördert werden, so dass die Familien nicht von künstlich angereicherten Produkten abhängig sind. Das Beste ist, die Aufnahme von gesunden, nahrhaften und sicheren Lebensmitteln der Region und der unterschiedlichen lokalen Gemeinden voranzutreiben.
Es ist gefährlich, angereicherte Nahrungsmittel umfassend anzupreisen, da bei den Familien der Anschein erweckt werden könnte, dass die Nahrungsmittel, die auf lokalen Märkten erworben werden können, nicht ausreichend Nährstoffe für eine gesunde Ernährung enthalten. Auf diese Weise könnten die Familien glauben, dass diese Lebensmittel viel besser für ihre Kinder sind und dann einen Großteil ihres Einkommens für diese opfern.

Inwieweit kann die Stärkung der Frauenrechte einen Beitrag zur Beseitigung von Mangelernährung leisten?

Die Stärkung von Frauen und ihren Rechten wird mehr Essen auf die Tische bringen. 75 Prozent der Aktivitäten in der Landwirtschaft werden von Frauen übernommen; in allen Regionen müssen Frauen deshalb Zugang zu Land haben, das sie landwirtschaftlich bestellen können. Überdies haben Frauen durch die Geschichte hindurch den Erfahrungsschatz bewahrt, wie traditionelle Nahrung erzeugt und zubereitet wird. Dieses traditionelle Wissen muss geschützt und gefördert werden. Dies wird gesünderes Essen für die Familien sichern. Die Produktion und Zubereitung von Nahrung sollte in der ganzen Bevölkerung und den Gemeinschaften gefördert werden. Es liegt zudem in der Verantwortung von jedem und jeder Einzelnen, dieses vererbte Wissen der Praktiken zu stärken, weiterzutragen und zu schützen. Frauen benötigen überdies die Zusicherung des Rechts, ihre Kinder stillen zu können und die hierzu nötigen Informationen und Einweisungen – dies wird der Mangelernährung erheblich entgegenwirken.

Inwieweit kann die Stärkung der Rechte von KleinbäuerInnen einen Beitrag zur Beseitigung von Mangelernährung leisten?

Alle Rechte von KleinbäuerInnen müssen vollständig garantiert sein; kleine und mittelgroße landwirtschaftliche Produktion muss umfassende Unterstützung und Absicherung erhalten, so dass die Bevölkerung Zugang zu frischen, gesunden und sicheren Nahrungsmitteln erhalten kann. Traditionelles Saatgut muss ebenfalls geschützt werden, insbesondere vor der Verunreinigung durch gentechnisch veränderte Organismen.

Lesen Sie sich die weiteren Interviews hier durch:

Anne Bellows - Claudio Schuftan - Flavio Valente - Juan Carlos Morales - Wilhelmina Pelegrina

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