von Michael Nanz
Der europäische Agrarkonzern Socfin sicherte sich immense Waldflächen, die die kambodschanische Regierung unrechtmäßig verpachtete. Der Konzern rodete rund 12.000 Hektar Wald – den Lebensraum der indigenen Bunong. Diese leiden heute unter Verschuldung sowie kultureller und sozialer Zerrüttung. FIAN Schweiz unterstützt die Indigene Organisation BIPA und hat sich im Sommer vor Ort über die Situation informiert.
Bis vor gut 15 Jahren lebte das Volk der Bunong in den Wäldern im östlichen Hochland Kambodschas, wo es nachhaltigen Wanderfeldbau betrieb, Vieh weidete, Wildgemüse, Materialien und Medizinalpflanzen aus dem Wald nutzte – in sozialer Einheit und Harmonie mit der Natur.
Doch ab 2008 erteilte die kambodschanische Regierung drei Landkonzessionen im Umfang von 12.000 Hektar an den damals belgisch-luxemburgischen, heute aus der Schweiz gesteuerten Palmöl- und Kautschukkonzern Socfin. Die Konzessionen betrafen als state public property und natural protected area klassifiziertes Land und waren – ohne die erforderlichen Umklassierungen – nach kambodschanischem Recht unzulässig. Eine freie Zustimmung der indigenen Bevölkerung wurde vorab nicht eingeholt. Der Konzern wusste aufgrund der – bis heute unter Verschluss gehaltenen – Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen um die Unrechtmäßigkeiten.
Socfin rodete die biodiverse Waldlandschaft und legte dort Kautschuk-Monokulturplantagen an. Die rund 850 betroffenen Familien waren gezwungen, geringe finanzielle Entschädigungen oder entferntes und oftmals schlechtes Ersatzland anzunehmen oder innerhalb der Konzessionsflächen Kautschuk-Vertragsbäuer:innen zu werden – und so auf ihnen unbekannte stationäre Landwirtschaft auf zu wenig verfügbarer Fläche umzustellen.

Widerstand, Verhandlungen, Mediation
Proteste brachten keine Verbesserungen. So gründete sich die Bunong Indigenous People Association BIPA, um trilaterale Verhandlungen mit Socfin und staatlichen Behörden aufzunehmen. Diese wurden allerdings 2016 aus Geldmangel eingestellt. Daraufhin initiierte die Organisation Mekong Region Land Governance ein bilaterales Mediationsverfahren, das von der Schweiz, Deutschland und Luxemburg finanziert wurde. Nur ein Fünftel der betroffenen Familien nahm teil. Der Staat – als Auslöser des Landkonflikts – war nicht aktiv beteiligt. Entgegen der indigenen Tradition stand die Mediation unter strikter Geheimhaltung. FIAN Schweiz erhielt einige Vereinbarungen und stellte fest: Der Konzern hat gewonnen und muss kein Land zurückgeben.
Die Familien haben verloren, insbesondere den Anspruch auf Landrückgabe. Die Unrechtsverhältnisse wurden durch die Mediation noch zementiert. FIAN Schweiz, vertreten durch Michael Nanz, besuchte die Region im August 2025. Er traf eine geschwächte Gemeinschaft an, die den Zusammenhalt verloren hat, größtenteils verschuldet ist und in Armut lebt – und trotzdem mit Gastfreundschaft und Herzlichkeit beeindruckt. Ein Teil der Bevölkerung hat jede Hoffnung verloren. Andere fordern weiterhin mit Kampfgeist das verlorene Land zurück. Weder für die lokale Nahrungsmittelversorgung noch für den Verkauf gibt es genügend Land. Unter dem hohen Nachfragedruck muss das verbleibende Land immer wieder gegen Übergriffe verteidigt werden, begleitet von Korruption, Einschüchterung und Gerichtsprozessen.

Kolonialismus wirkt bis heute
Beschlagnahmung von Land ohne Konsultation der Bevölkerung, Anbau eines Exportprodukts zur alleinigen Bereicherung europäischer Aktionär*innen, Zerstörung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Existenzgrundlage der Bevölkerung: All dies zeigt die Wiederholung kolonialer Prozesse in der Gegenwart, unterlegt von strukturellem Rassismus.
Ein Netzwerk der indigenen Bevölkerung veranstaltete im August 2025 eine Versammlung, mit Personen aus allen betroffenen Dörfern. Es wurde klar: Die Teilnehmenden betrachten auch noch nach 17 Jahren das ganze Land als den Bunong gehörig und fordern es mit Vehemenz zurück.
Die nationale Regierung hört weder auf Menschenrechtsorganisationen, europäische Regierungen noch UN-Organe; die kambodschanische Justiz ist weitgehend korrupt. Socfin als Konzern, der in Rechtsstaaten niedergelassen ist, kommt die größte Rolle bei der Wiedergutmachung des Landkonflikts zu. Europäische Regierungen, UN- und OECD-Organe können und müssen ihren Teil beitragen. Ein Verbund zivilgesellschaftlicher Organisationen wird den menschenrechtsbasierten Lösungsprozess weiter vorantreiben.
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