Ein Artikel von Prof. Dr. René Kuppe, Universität Wien
Die globale Biodiversitäts- und Klimakrise stellt die Menschheit vor existenzielle Herausforderungen. Als Antwort darauf hat die internationale Staatengemeinschaft 2022 das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (GBF) verabschiedet, das bis 2030 den Schutz von 30 Prozent der Land- und Meeresflächen („30×30“) vorsieht. Doch die zentrale Frage lautet: Wie soll dieser Schutz erreicht werden? Soll er – wie seit über 150 Jahren praktiziert – durch die Ausweisung von Schutzgebieten nach westlichem Vorbild erfolgen, welche die Menschen ausschließen? Oder bietet sich endlich die Chance für einen Paradigmenwechsel – einen Naturschutz, der diejenigen in den Mittelpunkt stellt, die diese Ökosysteme über Jahrtausende bewahrt haben: Indigene Völker und lokale Gemeinschaften?
Der moderne Naturschutz hat seine Ursprünge im 19. Jahrhundert und ist eng mit der Kolonialgeschichte sowie einer spezifisch westlichen Vorstellung von „Wildnis“ verknüpft. Der Yellowstone-Nationalpark in den USA, 1872 als erster Nationalpark der Welt gegründet, wurde als menschenleere „ursprüngliche“ Wildnis konzipiert – obwohl das Gebiet von mindestens 27 Indigenen Völkern bewohnt oder zumindest zeitweilig genutzt wurde. Die gewaltsame Vertreibung dieser Gemeinschaften war kein Zufall, sondern ein essenzieller Bestandteil des „Yellowstone-Modells“. Dieses Modell basiert auf der Idee, dass Natur nur dann „rein“ und schützenswert sei, wenn sie von menschlicher Nutzung unberührt bleibt.

Diese Vorstellung wurde im 20. Jahrhundert global exportiert, oft mit verheerenden Folgen. Nach häufig zitierten Schätzungen überschneiden sich bis zu 50 Prozent der heutigen Schutzgebiete mit angestammten Territorien Indigener Völker, was zu Vertreibungen, Entrechtung und Assimilation geführt hat.
Die philosophische Grundlage dafür lieferte die europäische Aufklärung, die indigene Lebensweisen häufig als „rückständig“ und ihre Territorien als „herrenlos“ interpretierte. Der Naturschutz wurde so teilweise zum Vehikel kolonialer Machtstrukturen, die bis heute nachwirken.
Wissenschaftliche Widerlegung des Wildnis-Mythos
Studien zeigen, dass dieser sogenannte „Festungsnaturschutz“ nicht nur menschenrechtliche Probleme verursacht, sondern auch aus Sicht des Naturschutzes oft weniger effektiv ist als indigene Bewirtschaftungsformen. Ein erheblicher Teil der globalen Biodiversität befindet sich auf Territorien Indigener Völker. Diese Gebiete erweisen sich beispielsweise als widerstandsfähiger gegen Dürren und Brände und fungieren häufig als effektive Kohlenstoffspeicher.
Die Annahme, dass Biodiversität am besten in menschenleeren Räumen gedeiht, gilt in der Forschung daher zunehmend als überholt. Zahlreiche Studien belegen, dass Indigene Völker durch traditionelle Praktiken – etwa kleinräumige Brandrodung, nachhaltige Jagd oder vielfältige Formen lokaler Landschaftspflege – komplexe Kulturlandschaften geschaffen haben, die eine hohe Artenvielfalt fördern.
Indigene Territorien sind daher meist keine „unberührte Wildnis“, sondern Ergebnis jahrtausendelanger Nutzung und Pflege. In der Anthropologie spricht man in diesem Zusammenhang von „anthropogen geprägten Landschaften“. Die heutige Biodiversitätskrise ist somit weniger eine Folge einer menschlichen Präsenz als solcher, sondern vielmehr der Zerstörung dieser kulturell geprägten Ökosysteme und der Vertreibung ihrer traditionellen Bewohner*innen.
Dekolonialer Naturschutz: Ein Paradigmenwechsel
Ein dekolonialer Naturschutzansatz versteht Indigene Völker nicht primär als Betroffene, sondern als zentrale Akteure. Im Mittelpunkt stehen dabei die Anerkennung territorialer Rechte, die Stärkung indigener Governance-Strukturen und die Einbindung traditionellen Wissens in Naturschutzstrategien.
Das oben genannte Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework trägt dieser Perspektive teilweise Rechnung, indem es die Anerkennung indigener und traditioneller Territorien sowie eine gerechte Regierungsführung betont. Die praktische Umsetzung bleibt jedoch herausfordernd. Trotz ambitionierter Ziele fließen bislang nur begrenzte Finanzmittel direkt an indigene Gemeinschaften. Und Vertreibungen im Namen des Naturschutzes kommen weiterhin vor.
Ein vielbeachtetes Beispiel für einen stärker partizipativen Ansatz ist die Inclusive Conservation Initiative (ICI), die 2019 von der Global Environment Facility (GEF) ins Leben gerufen wurde. Die ICI stellt indigene Führungspersönlichkeiten bewusst in den Mittelpunkt. Ihr strategisches Leitungs- und Aufsichtsgremium, das über die Vergabe der Mittel entscheidet, besteht ausschließlich aus indigenen Vertreter*innen.
Mit über 25 Millionen US-Dollar – plus rund 90 Millionen Dollar Kofinanzierung – unterstützt die ICI derzeit neun indigene Projekte, von denen mehrere länderübergreifend in insgesamt zwölf Staaten umgesetzt werden – von der Sicherung von Landrechten für Massai-Frauen in Tansania bis zur Stärkung Indigener Führungsräte auf den Cookinseln.
Erste Ergebnisse gelten als vielversprechend: In Tansania konnten über 500.000 Hektar Land rechtlich gesichert werden, in Chile wurde ein historisches Ko-Management-Abkommen mit Mapuche-Gemeinschaften geschlossen. Diese Beispiele deuten darauf hin, dass Naturschutz besonders wirksam sein kann, wenn lokale und indigene Akteure eine führende Rolle einnehmen.

Fazit: Naturschutz mit den Menschen, nicht gegen sie
Trotz erkennbarer Fortschritte bleibt der Weg zu einem umfassend dekolonial ausgerichteten Naturschutz anspruchsvoll. Bürokratische Hürden, komplexe Berichtsanforderungen und die institutionelle Trägheit großer Naturschutzorganisationen erschweren vielfach die Zusammenarbeit.
Gleichzeitig sind Reformbewegungen sichtbar. Organisationen wie die International Union for Conservation of Nature (IUCN) und Conservation International bemühen sich zunehmend, indigene Partner stärker und auf Augenhöhe einzubinden.
Dekolonialer Naturschutz ist dabei kein romantisches Ideal, sondern ein Ansatz, der sowohl normative als auch praktische Argumente für sich beansprucht. Initiativen wie die ICI zeigen, dass stärker partizipative Modelle sowohl Fragen der Gerechtigkeit als auch der umweltpolitischen Effektivität adressieren können. Die entscheidende Herausforderung besteht nun darin, politische Zusagen in konkrete Praxis zu überführen und Indigene Völker als dauerhafte Partner im globalen Biodiversitätsschutz anzuerkennen. Langfristig geht es weniger darum, Natur grundsätzlich vom Menschen zu trennen, sondern tragfähige Formen des Zusammenwirkens zwischen menschlichen Gesellschaften und Ökosystemen zu entwickeln.
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