Die Volksgruppe der Maasai ist durch Vertreibungen aus ihrem Lebensraum existenziell bedroht. Die stetige Ausweitung von Naturschutzflächen in Tansania ist auf den ersten Blick mit hehren Zielen verbunden. Schutzgebiete sollen neben dem Arten- und Klimaschutz auch die ökonomische Entwicklung der Region fördern. Die Idee ist, den Schutz dieser für Besucher*innen landschaftlich reizvollen Areale über Naturtourismus zu finanzieren. Doch die Profitorientierung blendet die Grundbedürfnisse und Menschenrechte der Einheimischen, vor allem Indigener Gruppen wie der Maasai, aus.
Die Maasai sind ein ostafrikanisches Hirtenvolk, auch Pastoralisten genannt. Das bedeutet, dass sie eine mobile Form der Tierhaltung betreiben, bei der ein kontinuierlicher Wechsel der Weideflächen entlang der Vegetationszyklen und Niederschlagsvorkommen stattfindet. In Tansania leben die Maasai seit vielen Generationen vorwiegend im Nordosten des Landes, in der Region Arusha, in der sich auch die Bezirke Ngorongoro und Loliondo befinden.
Während der Anteil an Schutzgebieten – gemessen an der Landesfläche Tansanias – sehr bald die 40-Prozent-Marke erreichen wird, wächst ebenso stetig die Bevölkerung. Diese beiden Trends führen zu schwindendem Lebensraum, umso mehr, da Einheimische wie die Maasai von den Schutzgebieten zumeist ausgeschlossen, im besten Falle geduldet sind.
Für den Tourismusboom verlieren Zehntausende Maasai ihr Land
Um aus dem Naturschutz maximal Kapital zu schlagen, setzen der tansanische Staat und touristische Unternehmen auf die Luxusvariante des Tourismus. Dafür werden mehr und mehr edle Residenzen, Hotelanlagen und Safaricamps am Rande der Schutzgebiete errichtet. Allein der Eintritt ins Ngorongoro-Gebiet, ein UNESCO-Weltnaturerbe, bringt der tansanischen Regierung jährlich 100 Millionen Euro ein.
Für den Eintritt soll Tourist*innen das Bild eines unberührten Afrikas präsentiert werden. „Die Touristen wollen nicht eure Rinder sehen, sondern Wildtiere!“ So schrien Ranger im September 2025 einen Maasai an, der seine Tiere an der einzigen Wasserstelle der Region tränken wollte. Solche Ereignisse sind Alltag für die Maasai im Ngorongoro-Schutzgebiet in Tansania.
Von Profitstreben motiviert erklärte die tansanische Regierung im Jahr 2022 ein Drittel des Bezirks Loliondo, welcher an den Serengeti-Nationalpark grenzt, zum Schutzgebiet. Dafür mussten tausende Bewohner*innen, darunter viele Indigene, ihr Land verlassen oder verloren überlebenswichtige Weideflächen. Als Semi-Nomaden bedeutet dies für die Maasai drastische Einschnitte in ihre Rechte auf Land, Nahrung und Wasser. Widerstand beantwortete die Regierung mit gewaltsamer Räumung, was mehrere Verletzte und zwei Todesopfer forderte. Die Maasai müssen nun in den angrenzenden Gebieten leben, ohne Zugang zu ihrem bisherigen Weideland. Wenn sich ihre Nutztiere auf das alte Land verirren, werden sie konfisziert und versteigert. Manchen Familien bleiben von mehreren hundert Tieren heute nur noch ein paar Dutzend. Viele leiden Hunger, besonders die Kinder.

Sicherheitskräfte zünden bei Räumungsaktionen Häuser der Maasai an
Bis 2027 sollen nach Plänen der Regierung weitere 82.000 Personen – auch vor allem Maasai – umgesiedelt werden. Hier geht die Regierung weniger mit direkter Gewalt vor – wohl auch wegen der Anwesenheit von Tourist*innen. Während offiziell von „freiwilligen Umsiedlungen“ die Rede ist, wird enormer Druck ausgeübt. Die Regierung stellte jegliche Sozialleistungen ein, zusätzliche Transportgebühren sorgen für einen mangelnden Zugang zu Grundnahrungsmitteln. Schulen und Krankenstationen mussten schließen. Der Zugang zu Wasser und Weideland wurde stark eingeschränkt und der Anbau von Grundnahrungsmitteln verboten. Die Ernährungslage verschlechtert sich dadurch dramatisch. Viele Menschen mussten bereits fliehen, um ihr Überleben zu sichern. Auch die touristische Infrastruktur verstärkt die Belastung auf die Einheimischen, denn Hotelanlagen übernutzen Wasserquellen und Nahrungsmittel werden künstlich verteuert.
Die Beteiligung deutscher Akteure
Die deutsche Bundesregierung finanziert diverse Naturschutzprojekte vor Ort mit über 100 Millionen Euro (Stand 2023). Diese werden von der deutschen Entwicklungsbank KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau), der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft (FZG) oder dem WWF umgesetzt. Insbesondere die KfW und die FZG arbeiten eng mit der tansanischen Parkbehörde TANAPA zusammen, die ihrerseits in Vertreibungen und Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Massai verwickelt sein soll. Die Unterstützung der Bundesregierung trägt zur Legitimierung dieser Menschenrechtsverletzungen bei. Deutschland als wichtiger Geldgeber für Nationalparkprojekte in Tansania ist somit in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die deutschen Finanzmittel nicht zur Verschärfung der Krise beitragen.
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