Offener Brief an das Rautenstrauch-Joest-Museum und den Kölner Kulturdezernent
Sehr geehrte Direktorinnen Nanette Snoep und Anne Fischer,
sehr geehrter Kulturdezernent Stefan Charles,
als Menschenrechts- und Umweltorganisationen, die sich seit Jahrzehnten für die Landrechte indigener Gemeinschaften in Lateinamerika einsetzen, begrüßen wir sehr die Würdigung der Arbeit von Sebastião Salgado durch die beeindruckende Ausstellung im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum.
Unsere Arbeit beruht auf dem Völkerrecht, unter anderem dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der Vereinten Nationen sowie der ILO-Konvention 169 zu Rechten Indigener Völker. Wir haben in der Vergangenheit auch mit Sebastião Salgado kooperiert, beispielsweise zu Landkonflikten in Brasilien. Herr Salgado hat die brasilianische Landlosenbewegung MST und FIAN durch Überlassung von Bildrechten unterstützt.

Am 11. Dezember haben wir das Rautenstrauch-Joest-Museum in einem persönlichen Schreiben auf die problematische Kooperation mit den Entwicklungsbanken KfW und DEG sowie der Zurich Versicherung aufmerksam gemacht. Die genannten Akteure haben sich in der Vergangenheit an einer Vielzahl von klima- und umweltschädlichen Projekten beteiligt, die insbesondere für Indigene mitunter katastrophale Auswirkungen haben. Das Sponsoring der Ausstellung ist aus unserer Sicht ein typischer Fall von Greenwashing.
Die DEG erklärt zu der Unterstützung, sie wolle hiermit „das Bewusstsein für den Klimawandel und dessen Auswirkungen gerade auch in Entwicklungs- und Schwellenländern schärfen“. In unserer Arbeit sind wir jedoch oft mit Fällen konfrontiert, in denen Finanzierungen von KfW und DEG direkt oder indirekt – etwa durch Investitionen in Fonds oder Banken – zu Menschenrechtsverletzungen Indigener Gemeinden und Umweltzerstörung beigetragen haben. Hierzu gehören Landvertreibungen für Agrar- und Bergbauprojekte, die Verschmutzung von Wasserressourcen sowie Rodungen von Wäldern, welche eine wichtige Basis für die Ernährung Indigener Gemeinden darstellen.
Beispielhaft möchten wir die Rechtsverletzungen im Zusammenhang mit der DEG-Beteiligung an der Firma PAYCO nennen, einem der größten Landbesitzer in Paraguay: Detaillierte Studien und Investigativberichte zeigen, dass die DEG als Mitbesitzer der Firma systematisch Indigenenrechte verletzt, an Rodungen von Urwald beteiligt ist und in der EU verbotene, hochgiftige Pestiziden auf Baumplantagen einsetzt. Auch investierte die DEG im Jahr 2020 acht Millionen Euro in den Arbaro-Fonds. Dieser wirbt damit, durch nachhaltige Holzwirtschaft „Klimaschutz“ und „lokale Entwicklung“ zu fördern. Jedoch wurden Konflikte mit indigenen und bäuerlichen Gemeinden im Umfeld der Arbaro-Eukalyptusplantagen in Sierra Leone, Ghana und Paraguay umfassend dokumentiert.
Einer Konfrontation mit den Folgen ihres Handelns – oder auch nur Transparenz über die Folgen ihrer Investitionen – weichen KfW und DEG immer wieder aus. Seit Juni 2021 stehen daher FIAN und das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) in einem Rechtsstreit auf Einsicht in Umwelt- und Sozialpläne ihrer Beteiligung an PAYCO. In erster Instanz haben wir diesen Prozess gewonnen. Vor diesem Hintergrund halten wir es für problematisch, die Ausstellung eines Fotografen, der entschieden für die Rechte Indigener Völker eingetreten ist, von der DEG und ihrer Muttergesellschaft KfW finanzieren zu lassen.
Auch die Zusammenarbeit mit der Versicherungsgesellschaft Zurich wirft große Fragen auf. Das Unternehmen wirbt mit dem Anspruch, sich „für eine bessere Zukunft“ zu engagieren und mit der Ausstellung für „konkrete Umweltmaßnahmen“ zu sensibilisieren. Gleichzeitig zählt Zurich weltweit zu den führenden Versicherern fossiler Brennstoffprojekte. Es fehlen bei Zurich weiterhin konkrete Richtlinien, die mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens in Einklang stehen. Zwar hat das Unternehmen angekündigt, keine neuen Verträge mit bestimmten Produzenten fossiler Brennstoffe abzuschließen, bestehende Versicherungen etwa für Shell oder Chevron bleiben jedoch bestehen. Damit unterstützt Zurich weiterhin eine Branche, die maßgeblich zur Klimakrise beiträgt. Das Engagement im Rahmen einer Ausstellung zu Amazonien ist daher widersprüchlich und entbehrt aus unserer Sicht jeder Glaubwürdigkeit – insbesondere gegenüber den Angehörigen Indigener Völker, die unmittelbar unter den Folgen extraktiver Projekte leiden.
Wir erwarten vom Rautenstrauch-Joest-Museum und der Stadt Köln als ihrem Träger eine klare öffentliche Einordnung der Zusammenarbeit sowie eine Offenlegung der zugrunde liegenden Sponsoringkriterien. Unser Versuch, diese Fragen im direkten Austausch zu klären, blieb leider ohne Reaktion. Daher sehen wir uns veranlasst, unser Anliegen öffentlich zu machen, um Transparenz und Verantwortlichkeit in kulturellen Einrichtungen zu fördern.
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Friederike Diaby-Pentzlin
1. Vorsitzende FIAN Deutschland
Dr. Dustin Schäfer
Urgewald, Teamleiter – Multilaterale Finanzinstitutionen
Tilman Massa
Geschäftsführer Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre
Dr. Miriam Saage-Maaß
Legal Director, European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)
Sarah Reinke
Geschäftsführerin Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV)
Johann Graf
Vorsitzender POEMA – Armut und Umwelt in Amazonien e.V.
Jan Dunkhorst
Geschäftsführer FDCL
Günther Schulz
1.Vorsitzender Brasilieninitiative Freiburg

