Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und FIAN Deutschland blicken mit großer Sorge auf die Berichte zweier präsidialer Kommissionen in Tansania. Diese empfehlen weitreichende Umsiedlungen der indigenen Maasai aus zentralen Schutzgebieten wie der Ngorongoro Conservation Area im Norden des Landes. Nach Ansicht der Menschenrechtsorganisationen stehen die Vorschläge der Kommissionen im klaren Widerspruch zu grundlegenden menschenrechtlichen Standards und den Rechten Indigener Völker. Sie fordern die Bundesregierung auf, ihre Förderung von Naturschutzprojekten angesichts der Berichte neu zu bewerten. Auch deutsche Reiseveranstalter und Investoren werden aufgefordert, ihre Aktivitäten in Tansania zu überprüfen.

Die Organisationen verweisen auf die deutliche Kritik der Maasai International Solidarity Alliance (MISA), zu der auch die GfbV und FIAN gehören: Die Kommissionsberichte sind laut MISA weder unabhängig noch glaubwürdig. Statt die Perspektiven der betroffenen Bevölkerung ernsthaft einzubeziehen, reproduzieren sie bekannte Narrative, die Vertreibungen rechtfertigen sollen. Insbesondere wird die jahrhundertelange Koexistenz der Maasai mit der Natur verzerrt dargestellt, während die negativen Auswirkungen der wachsenden Tourismusinfrastruktur systematisch ausgeblendet werden. Zugleich bestätigen Teile der Berichte, dass die seit 2021 stattfindenden Umsiedlungen nicht freiwillig erfolgen. Einschränkungen beim Zugang zu Weideland, Gesundheitsversorgung und sozialer Infrastruktur setzen die betroffenen Gemeinden unter massiven Druck. Dies widerspricht eindeutig dem völkerrechtlich verankerten Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (FPIC).
Vor diesem Hintergrund appellieren die GfbV und FIAN ausdrücklich an deutsche Akteure, die Menschenrechtsverletzungen der tansanischen Regierung zu verurteilen und eigene Aktivitäten zu überprüfen. „Die Bundesregierung muss sich gegenüber der Regierung in Tansania klar für die Rechte der Maasai einsetzen. Menschenrechte dürfen nicht hinter wirtschaftlichen Interessen internationaler Akteure zurückstehen“, erklären die Organisationen. Sie fordern die Bundesregierung, Organisationen wie die Frankfurter Zoologische Gesellschaft (FZG), sowie deutsche Reiseveranstalter auf, ihre Naturschutz- und Tourismus-Aktivitäten im Serengeti-Ökosystem einzufrieren, bis sichergestellt ist, dass die unfreiwilligen Umsiedlungen beendet werden. „Öffentliche Gelder und Programme der Entwicklungszusammenarbeit dürfen keine Strukturen und Institutionen unterstützen, die zu Vertreibung, Einschränkung von Lebensgrundlagen oder Repression beitragen. Schutzgebiete dürfen nicht auf Kosten indigener Rechte verwaltet werden“, betonen die Organisationen.
Die präsidialen Kommissionen wurden 2024 nach massiven Protesten der Maasai eingerichtet und analysierten unter anderem die massiven Vertreibungen aus Loliondo im Jahr 2022. Die Ergebnisse hätten bereits vor fast einem Jahr veröffentlicht werden sollen. Bis heute sind die Dokumente nicht öffentlich zugänglich. Die Ergebnisse wurden lediglich mündlich mitgeteilt.

