Am 26. November 2025 fand die zweite Kooperations-Veranstaltung zum Thema Agrarökologie in Berlin statt. FIAN spielte auch diesmal eine aktive Rolle in der Konzeption und Implementation der Tagung. Das Motto „Vom Konzept zur Bewegung“ setzte den Ton der diesjährigen Veranstaltung. Ziel war neben dem Wissensaustausch die Entwicklung einer handlungsfähigen agrarökologischen Bewegung in Deutschland zu fördern.
Bevor wir jedoch in die Veranstaltungsverlauf eintauchen, soll vorab geklärt werden: Was bedeutet Agrarökologie eigentlich konkret?
Obwohl Agrarökologie seit Jahren an Bedeutung gewinnt, bleibt oft unklar, was sie tatsächlich ausmacht. Sie ist mehr als eine nachhaltige Form der Landwirtschaft: Als ganzheitlicher Ansatz zielt Agrarökologie auf die Transformation industrieller Agrar- und Ernährungssysteme. Neben ökologischen Prinzipien wie Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität umfasst sie auch soziale und ökonomische Dimensionen – etwa den Abbau von Machtungleichheiten, die Achtung der Menschenrechte sowie sichere Arbeitsbedingungen und faire Löhne und Preise. Auf ökonomischer Ebene strebt sie an, Abhängigkeiten, etwa von externen Betriebsmitteln, zu reduzieren.
Den Auftakt der Veranstaltung setzte Alexander Lingenthal vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In seinem Impulsvortrag berichtete er, dass sich Agrarökologie im letzten Jahrzehnt zu einer der Kernstrategien entwickelt habe, um nachhaltige Ziele wie Ernährungssicherheit umzusetzen.
Anschließend stellte Mamadou Sow die Erfolgsstrategien seiner Organisation Enda Pronat, aus dem Senegal vor. Grundlage dafür ist eine ganzheitliche Problemanalyse, die individuelle Bedürfnisse und strukturelle Herausforderungen der landwirtschaftlichen Bevölkerung, wie Landverteilung, in den Vordergrund stellt.
Zu den Kernelementen der Strategie gehören auf Nachhaltigkeit und niedrigschwellige Implementierung ausgerichtete Umweltbildung sowie hartnäckige Lobbyarbeit, mit der die Bedürfnisse der landwirtschaftlichen Bevölkerung in einen kontinuierlichen Dialog mit politischen Entscheidungsträgern eingebracht werden.
Durch diese Arbeit zeigt sich das Potenzial der Agrarökologie bereits deutlich im verbesserten Zugang zu und in der gerechteren Verteilung von qualitativ hochwertiger Nahrung.

INTERAKTIVES LERNEN UND AUSTAUSCH
Im Anschluss an die Inputs wurden interaktive Formate aus Workshops und Weltcafés abgehalten. In den Workshops standen dabei die praktische Umsetzung agrarökologischer Ansätze entlang der Wertschöpfungskette, agrarökologische Perspektiven auf die Landfrage sowie Methoden zur Förderung der Bodenfruchtbarkeit im Fokus.

Wie das gesellschaftliche Potenzial der Agrarökologie beispielsweise im Alltag umsetzbar ist, wird durch die Ideensammlung des FIAN-Workshops Agrarökologie – vom Feld bis zum Teller sichtbar.
Ernährungssicherheit ist nicht nur Aufgabe von Bäuer*innen oder des Lebensmittelhandwerks – auch wir als Verbraucherinnen können agrarökologisch handeln und damit auf bestehende Strukturen einwirken.
Das kann etwa bedeuten, bewusst regional und biologisch einzukaufen, fair produzierte Lebensmittel zu bevorzugen oder Direktvermarktung und solidarische Landwirtschaft zu unterstützen.
Aber auch für Menschen mit wenig Einkommen gibt es Möglichkeiten, agrarökologische Schritte zu gehen – zum Beispiel durch eine stärker pflanzenbasierte Ernährung, saisonalen Einkauf, gemeinschaftliche Lösungen wie Foodsharing oder durch das Teilen von Wissen, sowie das Stellen kritischer Fragen zu Herkunft, Produktionsbedingungen und Arbeitsverhältnissen von Lebensmitteln. Ebenso können Verbraucher*innen agrarökologische Ansätze politisch unterstützen, etwa durch Engagement in Initiativen, Kampagnen oder zivilgesellschaftlichen Bündnissen.
FIAN hat ebenso zur Frage der demokratischen Landverwaltung einen Workshop abgehalten. Als positives Beispiel für Deutschland kann hierfür die kollektive Land- und Hofnutzung des Ackersyndikat dienen. Die Organisation koordiniert im Sinne der Ernährungssicherheit kommender Generationen den Übergang landwirtschaftlicher Nutzflächen zwischen älteren und neuen Generationen von Landwirt*innen. Im Rahmen rechtlicher Vereinbarungen wird sichergestellt, dass diese Flächen ausschließlich landwirtschaftlich genutzt werden dürfen und als unverkäufliches Gemeingut dauerhaft vor Verkauf, Zweckentfremdung und Investoren geschützt bleiben.
Was jedoch herausstach war der Beitrag Senegals, von dem Deutschland und vor allem seine politischen Entscheidungsträger noch einiges lernen können. Im Senegal unterstützt Enda Pronat eine progressive Landpolitik, die lokal und partizipativ gestaltet ist.
Das zeigt sich darüber, dass die Landbevölkerung darüber mitbestimmt welche Personengruppen auf welchen Flächen welche Lebensmittel anbauen und ist damit an den Bedürfnissen derer ausgerichtet die Lebensmittel produzieren und konsumieren.
Im Anschluss boten die Weltcafés Raum für einen offenen Austausch zwischen Akteur*innen aus Wissenschaft, Praxis, Bildung und Politik. An thematischen Ständen konnten die Teilnehmenden unterschiedliche Initiativen, Projekte und agrarökologische Ansätze kennenlernen. Inhaltlich reichte das Spektrum von bodenökologischen Grundlagen, wie etwa der Bedeutung von Bodenlebewesen, über Bildungsansätze für gesundes und nachhaltiges Schulessen bis hin zu Fragen solidarischer Wirtschafts- und Landwirtschaftsmodelle.

VOM AUSTAUSCH ZUR VERDICHTUNG DER ERGEBNISSE
In der Abschlussdiskussion stand die Frage im Mittelpunkt, welche Perspektiven für die Weiterentwicklung agrarökologischer Ansätze entstehen können. Einen praxisnahen Einblick in den Aufbau eines starken agrarökologischen Netzwerks gab Giulia Satiro von „Agroecology Works“ aus der Schweiz. Zentrale Erfolgsfaktoren waren dabei die Gewinnung großer Biobäuer*innenverbände und renommierter wissenschaftlicher Einrichtungen, und schrittweise Vernetzung von Akteur*innen, sowie der kontinuierliche Austausch, formelle Strukturen zur Professionalisierung sowie niedrigschwellige Formate, mit denen das Netzwerk über bestehende Fachkreise hinaus Sichtbarkeit und Wirkung entfalten konnte. Die Zusammenarbeit mit Partner*innen und die starke Vernetzung ermöglichte die Finanzierung von zwei Mitarbeitenden. Dies machte es möglich, jedes Jahr einen dezentralen nationalen Agrarökologie-Monat mit landesweiten Veranstaltungen durchzuführen.
Die Veranstaltung konnte aufzeigen, dass die sehr verschiedenen Akteur*innen – aus Wissenschaft, Praxis, Bildung, Politik, Handwerk und Zivilgesellschaft – viele relevante Schnittstellen aufweisen. Das bezieht sich nicht nur auf die Ortung von Problemen und Zielen, sondern auch auf gemeinsame Lösungs- und vor allem Handlungsmöglichkeiten. Für die Zukunft gilt es, dieses Wissen zu bündeln weiterzutragen und das bestehende Fundament zu einem starken Netzwerk weiterzuentwickeln.
Deutschland ist bereit für die Agrarökologie. Eine Vielzahl von Initiativen und Gruppen engagiert sich in unterschiedlichem Maße für die Agrarökologie im Land. Ob es sich um die Mitglieder der Allianz für Agrarökologische Praxis (APA), die Agroforstwirtschaftsgemeinschaft, Universitäten, Landwirte aus gemeinschaftlich unterstützten Landwirtschaftsprojekten oder NGOs handelt – alle wollen voranschreiten und die Agrarökologie zu einer starken Bewegung in Deutschland machen. Die Teilnehmer der Veranstaltung in Berlin waren überzeugt, dass Deutschland mit den richtigen Strukturen und der richtigen Unterstützung ein großes Potenzial hat, eine lebendige, gut vernetzte Agrarökologie-Bewegung aufzubauen.
Die Veranstaltung wurde veranstaltet von: Agrar Koordination, Aktion gegen den Hunger, Brot für die Welt, FIAN Deutschland, INKOTA-Netzwerk, Misereor, Romero Initiative (CIR), Weltfriedensdienst, World Vision Deutschland e.V.

