Seit mehr als zehn Jahren kämpft eine indigene Kuoy-Gemeinde im Norden Kambodschas gegen den Verlust ihres Landes an eine Kautschukplantage. Wälder werden gerodet, Felder zerstört und Gemeindemitglieder kriminalisiert. Besonders Frauen, wie die Gemeindesprecherin Heng Saphen, tragen den Widerstand – und auch die Folgen des Landraubs. FIAN steht den Betroffenen zur Seite und unterstützt sie dabei, ihre Rechte auf Land und Nahrung einzufordern. Insa Heinke, Südostasien-Referentin von FIAN, und Geschäftsführer Philipp Mimkes waren im Februar vor Ort.
Anfang Februar besuchen wir das Dorf Ngong in der nordkambodschanischen Provinz Preah Vihear. Mehrere Frauen sitzen auf Matten vor dem neu errichteten Gemeindezentrum. Kinder laufen zwischen dem Gebäude und der Grundschule gegenüber hin und her. Drei Lehrer unterrichten dort die Klassen eins bis sechs. Die Sprache der Kuoy wird jedoch nicht gelehrt – obwohl die Gemeinde dies seit Jahren fordert. Die Bewohnerinnen organisieren im Gemeindezentrum eigenen Unterricht, um ihre Sprache und ihr Wissen weiterzugeben.
Ngong zählt 444 Bewohner*innen, darunter 227 Frauen. Viele Familien leben von kleinbäuerlicher Landwirtschaft, Waldprodukten und dem Cashew-Anbau. Doch ihr Alltag ist von Unsicherheit geprägt. Seit Jahren breitet sich die Kautschukplantage des Unternehmens Sambath Platinum immer weiter auf ihr Land aus.
Frauen tragen den Widerstand
„Wir leben seit Generationen auf diesem Land. Früher konnten wir alles, was wir brauchen, aus dem Wald holen“, erzählen uns Ros Sakel und Heng Saphen. „Niemand musste Hunger leiden.“ Alle sechs Sprecher*innen des Dorfes sind Frauen.
Die Gemeinde hat bewusst Frauen ausgewählt, weil diese in Konfliktsituationen häufig deeskalierend wirken und besser mit Behörden oder Sicherheitskräften verhandeln können.
Frauen spielen in Ngong eine zentrale Rolle bei der Ernährungssicherung. Sie bauen Gemüse und Cashew-Nüsse an, sammeln Waldfrüchte, Pilze und Heilpflanzen und versorgen die Familien. Gleichzeitig tragen sie die Hauptlast der Folgen des Landraubs. Durch die fortschreitende Rodung verlieren sie nicht nur Einkommensquellen, sondern auch ihr Wissen, das eng mit dem Wald verbunden ist.

Viele junge Frauen verlassen das Dorf, um in Phnom Penh als Haushaltshilfen zu arbeiten. Die Männer arbeiten in der Hauptstadt meist auf dem Bau. Viele Kinder brechen die weiterführende Schule ab, die zehn Kilometer entfernt in der nächsten Stadt liegt. Der Schulweg ist lang, und viele Familien können es sich nicht leisten, auf die Arbeitskraft ihrer Kinder zu verzichten.
Wald als Lebensgrundlage
Die Kuoy sind eine staatlich anerkannte indigene Gemeinschaft. Dennoch erfahren sie Diskriminierung und politische Ausgrenzung. Ihre Beziehung zum Wald ist dabei nicht nur wirtschaftlicher Natur:

Wälder und bestimmte Bäume sind spirituelle Orte, an denen Zeremonien stattfinden und die Ahnen um Schutz gebeten werden – etwa angesichts von Konflikten oder Krankheiten. Noch am Abend vor unserem Besuch versammelte sich die Gemeinde zu einer spirituellen Zeremonie. Viele dieser Orte existieren heute jedoch nicht mehr. Wo früher dichter Wald stand, erstrecken sich nun lange Reihen junger Kautschukbäume.
Vor der Ausweitung der Plantage lebten viele Familien vom Verkauf von Baumharz, Wachs und anderen Waldprodukten. „Heute gibt es kaum noch Bäume, die wir nutzen können“, berichtet eine Bewohnerin.
Früher versorgten sich die Familien weitgehend selbst mit Reis, Gemüse, Waldfrüchten, Pilzen und Fisch. Heute reichen die Ernten vielfach nicht mehr aus. Reis muss zugekauft werden, während Einkommen wegbrechen. Die nun kleineren Felder werden intensiver genutzt; früher wurden sie nur in jedem zweiten Jahr bebaut. Die Böden verlieren an Fruchtbarkeit und die Erträge sinken. Der Verlust des Waldes bedeutet deshalb weit mehr als den Verlust von Land – er zerstört ein ganzes Ernährungssystem.
Bei einem Rundgang zeigt uns die Gemeinde neue Grenzpfosten des Unternehmens. Teilweise stehen diese auf Feldern, die weiterhin von Dorfbewohner*innen bewirtschaftet werden. Ein Wachposten mit Schranke kontrolliert den Zugang zu Gebieten, die früher frei zugänglich waren. Besonders paradox: Die Plantage und das Dorf befinden sich mitten in einem staatlichen Tierschutzgebiet. „Früher lebten hier Leoparden, Elefanten und Bären“, erzählt Saphen. „Heute sehen wir fast nur noch Mäuse und Hasen.“

Kriminalisierung und Haft
Seit Jahren versucht die Gemeinde, ihre kollektiven Landrechte offiziell anerkennen zu lassen. Doch anstatt Schutz zu erhalten, erleben viele Bewohner*innen Einschüchterung und Kriminalisierung. Auch Saphen: Die Gemeindesprecherin wurde verhaftet, nachdem das Unternehmen ihr vorgeworfen hatte, Gewalt gegen dessen Eigentum ausgeübt zu haben. Tatsächlich hatte sie lediglich auf ihrem Land gearbeitet.
„Ich verbrachte 16 Tage im Gefängnis“, berichtet sie ruhig. „Wir waren acht Frauen in einem kleinen Raum mit zwei Betten.“ Die Haftbedingungen seien belastend gewesen, vor allem wegen der Sorge um ihre Familie und ihre Felder. Erst nach Zahlung einer Kaution kam sie frei. Menschenrechtsorganisationen, darunter der langjährige FIAN-Partner LICADHO, legten Beschwerde beim Obersten Gerichtshof ein. Zwei Jahre später wurde das Verfahren eingestellt. Doch die Erfahrung hat Spuren hinterlassen. Viele Menschen im Dorf fürchten weitere Verhaftungen.
Die Kriminalisierung indigener Aktivist*innen ist in Kambodscha kein Einzelfall. Immer wieder nutzen Unternehmen und Behörden Strafverfahren, um Widerstand gegen Landraub zu schwächen. Besonders Frauen geraten dabei unter Druck, weil sie gleichzeitig Verantwortung für Kinder, Ernährung und Haushalt tragen. Trotz allem gibt die Gemeinde nicht auf. „Wir kämpfen weiter, bis wir unser Land zurückbekommen“, sagt Saphen. „Auch wenn es Gefängnis bedeutet.“
FIAN unterstützt die Gemeinde seit mehreren Jahren. Trainings zu Selbstorganisation und digitaler Sicherheit helfen den Bewohner*innen, ihre Rechte einzufordern und internationale Aufmerksamkeit auf ihren Fall zu lenken. Denn der Konflikt von Ngong zeigt beispielhaft, was geschieht, wenn wirtschaftliche Interessen über die Rechte indigener Gemeinschaften gestellt werden: Wälder verschwinden, kulturelles Wissen geht verloren – und das Recht auf Nahrung wird systematisch verletzt.

